Apes**t: Die Carters drehen ein Musikvideo im Louvre

Die Carters sind im Louvre. Die Rede ist von Beyoncé und ihrem Ehemann Jay Z. Ein glamouröses Paar, das sein Musikvideo »Apes**t« in dem weltbekannten Kunstmuseum drehte. Ein Grund genug für Museumsdinge das Video vorzustellen.Was nicht alles Kunstmuseen sein können! Doch auch wenn sie an der Eigendefinition ununterbrochen basteln und sich als offene Dialogräume von heterogenen Gesellschaften verstehen, bleiben sie für viele weiterhin Tempel der Hochkultur. Wohlgemerkt einer Hochkultur, die sich vielfach an den Werten einer weißen und bürgerlichen Elite orientiert. Mit ihrem Musikvideo fordern die Carters diese Werte heraus. Sie nutzen den Louvre als Bühne für ein musikalisches Statement. Auf textlicher und bildlicher Ebene nehmen sie Bezug auf ihren sozialen Aufstieg in einer Gesellschaft, die noch immer durch unterschiedliche Formen der Diskriminierung bestimmt ist. Ein Ausdruck dieser war der NFL-Protest der letzten Monate, der nicht zu überhören war. Es war ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt, deren Opfer viele Afroamerikaner*innen sind. Auch in diesem Musikvideo spielt der stille Aufschrei der Spieler unübersehbar und unüberhörbar eine Rolle. Nach dem Youtube-Hit von Childish Gambino »This Is America« ist es ein zweiter viraler Erfolg nur in wenigen Wochen, das sich unter anderem diesem Thema widmet.

Das unter der Anleitung von Ricky Saiz gedrehtes Musikvideo bewegt sich zwischen Kunstwerken, die im kulturellen Gedächtnis der Welt eine besondere Rolle einnehmen. Der Drehort wurde wohl gerade wegen ihrer Erkennbarkeit gewählt. Zwischen ihnen und den Carters sowie ihren Tänzer*innen wird so eine Beziehung voller Symbolik aufgebaut. Vor allem aber wird der Louvre für eine virtuelle Ewigkeit erobert und umgedeutet. Afrikanische Elemente in Kleidung und Tanz ziehen ein. Form des Empowerments der afroamerikanischen Community, die nicht ungewöhnlich für Beyoncé ist. Die marginale Präsenz schwarzer Kultur im Louvre wird korrigiert.

Den Beginn macht ein hockender Engel mit einem Rasta. Die Kamera führt dann in den Louvre, durch die Apollo-Galerie, bis sie sich dem Pop-Pärchen, vor der Mona Lisa stehend, nähert. Locker-lässig in einem Business-Eleganz-Look sind sie da. Allerdings nicht das erste Mal. Bereits 2014 posierten sie, nicht weniger stylish, jedoch eher in einem sportlichen Look, vor der bekannten Schönen (Link). La Gioconda von Leonardo da Vinci ist auch im Zeitalter des Digitalen ein Superstar mit hohem Erkennungswert. Wäre sie eine Sportlerin, hätte sie wohl die am höchsten dotierten Werbeverträge und wäre mit dem Musikpärchen befreundet. Doch die moderne Mona Lisa ist wohl eher Beyoncé. Laut Sarah Huny Young hat sie Jay Z so bereits 2014 nach seinem ersten Treffen mit der Italienerin bezeichnet. (Der ganze Artikel der Autorin und ihre Interpretation des Videos hier: In Beyoncé and Jay-Z’s ‘Apeshit’ Video, Blackness Is an Art Form.)

Fotograf*in: Lyokoï88; Gros plan de la statue de la victoire, 2015, Bearbeitung Christoph

Die nächste Szene ist schon vor der Nike von Samothrake im Daru-Treppenhaus gedreht. Ganz in weiß gekleidet stehen sie beide vor der Siegesgöttin. Die Verse des Textes beziehen sich auf den Aufstieg der beiden: »I can’t believe we made it«. Vielleicht symbolisiert die lange Treppe den Weg nach oben. Und nun sind die Aufsteigerin und der Aufsteiger im Tempel der Hochkultur par excellence. Die Nike als Symbol für Schönheit und den Sieg stärkt beiden den Rücken. Im gewissen Sinne wacht sie über ihnen. Ihnen zu Füßen Tänzerinnen, die auf der Treppe liegen. Diejenigen die es nicht geschafft haben oder doch nur ein stilistisches Element? Wie auch immer, Beyoncé und Jay Z brauchen heute keine Hilfe mehr. Sie beide stehen für einen einmaligen Erfolg und Schönheit.

Eine weitere Tanzeinlage ist vor dem Bild von Jacques-Louis David (1748–1825) »Die Krönung Napoleons«. Beyoncé steht in der Mitte einer Reihe von Tänzerinnen. Sie verdeckt Joséphine de Beauharnais (1763–1814), die die Krone aus den Händen ihren Ehemanns Napoelon erhält. Manch eine*r sieht die Szene als die Krönung von Beyoncé. Sie würde eben wie der Franzose eine gesellschaftliche Aufsteigerin sein, die nur durch ihr Talent und harte Arbeit erfolgreich wurde. Andere verweisen auf Napoleons Bezug zu Afrika und Sklaverei, die er in Frankreich wieder legalisierte. Gleichzeitig ist da die Erinnerung an die Ägyptische Expedition. In dieses Bild passt auch die Sphinx.

Etwa in der Mitte des Musikvideos eine Textpause. Das Bild wird gezoomt. Leichte Drehung und die Zuschauer*innen befinden sich in der Umkleidekabine einer Sporthalle. Der Text setzt wieder ein: »Stack my money fast and go. Fast like my Lombo«. Nun werden Ausschnitte der im Louvre ausgestellten Werke gezeigt, auf denen afrikanische Akteure und Akteurinnen zu sehen sind. Es sind primär Randfiguren im Geschehen, die hier in den Vordergrund gerückt werden. Laut Jason Farago nehmen einige Szenen auch auf Gegenwartskünstler*innen Bezug. Der im Wald auf einem Pferd stehende Mann erinnert an die Arbeit »Horse day« (2014) von Mohamed Bourouissa. In den Blickwinkel rückt er dabei afroamerikanische Cowboys des Fletcher Street Urban Riding Clubs in Philadelphia. Das auf dem Bett sich streichelnde und küssende Paar verweist wiederum auf die Arbeit von Deana Lawson. Diese Fotografin fängt mit ihrer Camera vor allem familiäre, intime und erotische Momente Afroamerikaner*innen ein. Zadie Smith beschreibt ihre Arbeit im Artikel »Deana Lawson’s Kingdom of Restored Glory« als »prälapsarisch«: Als ob ihre Porträts aus einer Welt vor dem Sündenfall stammen würden; ihre Protagonist*innen wären kreativ und gottähnlich, würden aber nicht ahnen, wie wunderbar sie seien.

Autor*innen: Black Lives Matter organization

In dem Musikvideo erheben sich Lawsons Protagonist*innen mit einem Kniefall. Bezug auf Colin Kaepernick, der eine Protestwelle bei der NFL gegen die Polizeigewalt startete. »Black Lives Matter«, nur der amerikanische Präsident hat das noch nicht kapiert und stammelt etwas von der Verunglimpfung der Nationalhymne. Für die Carters ist aber klar: Auf der Textebene deuten sie mehr als deutlich an, dass sie nicht mehr nötig haben bei einem Footballspiel aufzutreten. Vor der Mona Lisa wird das Haar eines Mannes somit nicht geglättet, sondern mit einem Afro-Kamm frisiert. Das Ideal der europäischen Schönheit wird dadurch buchstäblich in den Hintergrund gerückt. Verstärkt wird das durch das «Portrait d’une femme noire« (1800) von Madame Benoist, das als Symbol für weiblichen Emanzipation und der Menschenrechte gilt. Ein Bild, das laut James Smalls die Malerin wohl auch als ein Protest gegen Ungerechtigkeit verstand. Für ihn ist es eine Analogie, nämlich eine Frau als Sklavin. Seiner Meinung nach hatte die weiße Malerin jedoch weniger Interesse an dem von ihr gemalten schwarzen Modell, sondern nutzt dieses nur als ein Medium für ihre Botschaft der Ungerechtigkeit gegen Frauen. Es sind allerdings weiße Frauen gemeint.

Im Musikvideo entwickelt sich allmählich die Party. Die Spinx ist dabei. Hier sind nicht die namenlosen Anderen am Feiern. Das »Porträt d’une négresse« steht nicht für eine unterdrückte weiße Malerin, sondern für eine stolze unabhängige Frau. Eine schwarze Frau. Eine, die das Kleingeld für das Mieten des Louvre hat. Das Museum wird hier wie eine Postkarte benutzt. Wir sind da. Wir sind angekommen, trotz aller gesellschaftlichen Hindernisse. Wir sind nun die Elite. Wir sind von euch nicht mehr abhängig. Wir können uns die Mona Lisa exklusiv anschauen. Oder schaut die Grande Dame die Carters an?

Das ganze Video ist so durchgestylt, dass es als eine Serie von fashion moments betrachtet werden kann. Es kann aber auch als ein Kunstwerk gesehen werden, dass sicherlich Musikvideogeschichte schreiben wird. Inzwischen sind unzählige Interpretationen entstanden, die sowohl auf das Empowerment schwarzer Kultur, den Aufstieg des Paares sowie ihre Beziehung verweisen. Die Kunstwerke werden vorgestellt und ihre Bedeutung in dem Musikvideo beleuchtet. In wie weit all diese Bedeutungsebenen beabsichtigt sind, wissen nur die Videomacher*innen selbst. Aber gerade diese vielen Perspektiven und Auslegungsmöglichkeiten machen das Musikvideo so großartig. Die Verantwortlichen des Louvre kann es nur freuen. So viele virtuelle Besucher*innen in so einer kurzen Zeit wird das Museum so schnell nicht mehr bekommen. Marketingstrategisch ein voller Erfolg. Nur eine Frage bleibt offen: Wie wird das Louvre mit den Tanzeinlagen ganzer Schulklassen vor der Nike von Samothrake und der Sphinx von Tanis umgehen?

(Christoph)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.