Das Kriegsschiff Vasa und die Frauen

Fotograf Javier Kohen, The Vasa from the Bow, 2009, CC BY-SA 3.0

Das Deutsche Historische Museum in Kooperation mit Tanja Praske von KULTUR-MUSEUM-TALK lädt zu einer Blogparade ein. Das Thema ist „Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?“| #DHMMEER. Eine perfekte Gelegenheit, um auf die Ausstellung »Vasa’ s women: Always present – often invisible« im Vasa Museum in Stockholm einzugehen.
In weiteren Blogbeiträgen widme ich mich dem Historischen Museum (Historiska museet) und dem Ethnografischen Museum (Etnografiska Museet) in Stockholm.

Das Vasa Museum passt perfekt zum Thema Meer. Das wichtigste Objekt ist schließlich das Kriegsschiff Vasa, das zu 98% aus Originalteilen besteht. Folglich dreht sich alles im Museum um die nach der schwedischen Königsdynastie Wasa benannten Galeone. Anders als im Nordischen Museum (Nordiska museet) müssen die Besucher*innen zuerst in einer Ticket-Schlange stehen, um das Schiff zu bestaunen zu können. Vergleichbares habe ich an diesem Wochenende nur im Skansen gesehen, dem 1891 von Artur Hazelius eröffneten Freilichtmuseum. Im Skansen fand allerdings ein Astrid-Lindgren-Tag statt. Das Freilichtmuseum war somit von jungen Familien mit wimmelnden und krabbelnden Kindern auf Picknickdecken belagert.

Familienstreitigkeiten oder der Kontext

Das Schiff, das so viele begeisterte Besucher*innen in das Museum lockt, ist auf das engste mit der polnisch-schwedischen Geschichte verbunden. Da Polen eine Kategorie von Museumsdinge ist, gehe ich in aller Kürze auf diese Geschichte ein. Sie dreht sich wie alle guten Geschichten um die Streitigkeiten einer Familie, in diesem Fall der Familie Wasa. Trotz der Trennung durch die Ostsee bleibt die Familienbeziehung wie die See stürmisch. Sie beginnt 1587 mit der Wahl von Sigismund III. Wasa (1566–1632) zum König über das Doppelreich Polen-Litauen. Durch seine Mutter Katharina Jagiellonica (1526–1583) ist er mit der polnischen Dynastie der Jagiellonen verwandt. Ein wesentlicher Grund, wieso der katholisch erzogene Schwede zum König von Polen wird. Nach dem Tod seines Vaters Johann III. (1537–1592) erhält er zusätzlich die schwedische Krone. Sein Onkel Karl von Södermanland (1550–1611) sieht jedoch das schwedische Protestantentum gefährdet. Dazu kommen wohl auch noch persönliche Gründe dazu. Die Folge sind militärische Auseinandersetzungen, im Laufe derer Sigismund die schwedische Krone verliert. Sein Onkel wird als neunter Karl zum König. Ihm folgt sein Sohn Gustav II. Adolf (1594–1632). Doch die familiäre Situation beruhigt sich nicht. Im Gegenteil, sein Cousin Gustav II. Adolf kommt mit einer ganzen Kriegsflotte ungeladen zu Besuch. Zu diesem Zwecke wird auch das Kriegsschiff Vasa gebaut, das jedoch schon zuvor im Hafen von Stockholm am 10. August 1628 sinkt. Der Konflikt um den rechten Glauben und die Beherrschung der Ostsee wird auch noch nach dem Tod beider Kontrahenten ausgetragen.

Männliches Meer

Fotograf Christoph, Ausstellung Vasa’ s women: Always present – often invisible

Es ist leicht vorstellbar, dass die Kriegsschiffe voller bis an die Zähne bewaffneter Matrosen und Söldner waren. Pure Männerpower. Frauen an Bord sind schließlich tabu, das ist aus Piratenfilmen bekannt. Das Meer wird nun mal von Männern befahren. Als Matrosen und Fischer sind sie auf der See, ihrer Braut, unterwegs. Für die Weiblichkeit stehen lediglich die Launen der See, die so unberechenbar sind wie die der daheim gelassenen Frauen. Gefährlich sind auch die Sirenen, die mit ihrem Gesang die Männer in den Tod locken. Die Seefahrer sind aber aus einem anderen Holz geschnitten. Irgendwo zwischen Gaunern und Weltkennern verortet, unterscheiden sie sich eindeutig von den Landratten. Sie können diese Herausforderungen bestehen. So die Vorstellung, die Wahrheit ist aber nicht nur männlich. Auf den Schiffen zur Zeit des Baus des Kriegsschiffes Vasa waren auch Frauen nicht nur von der Highsociety anzutreffen. Im Blogartikel des Royal Museums Greenwich »Women and the Navy in the 17th Century« werden auch Frauen gewöhnlicher Matrosen und Soldaten erwähnt, die mitsegelten. Nicht zu vergessen sind die als Männer verkleideten weiblichen Militärpersonen. Trotz mangelnder Quellen sind einige von ihnen im Dickicht verstaubter Akten entdeckt worden. Auf Wikipedia werden einige der Namen aufgelistet (Link).

Kriegsschiff Vasa und die Frauen

Fotograf Christoph, Ausstellung Vasa’ s women: Always present – often invisible

In der Sonderausstellung »Vasa’ s women: Always present – often invisible« wird auch auf die Rolle von Frauen eingegangen. Auf großen Leinwänden wird die Frauenarbeit am Kriegsschiff Vasa in kurzen Filmsequenzen gezeigt. Kein Text ist hier zu überlesen, kein Bild zu übersehen. In historischer Kleidung angezogene Schauspieler*innen dokumentieren die allzu häufig verschwiegene Rolle der Frauen in der (maritimen) Geschichte. Im Haushalt des 17. Jahrhunderts waren schließlich Frauen und Männer ein Team: »They shared the responsibility of keeping home and business going. A woman was expected to provide leadership in the same way as a man.« Wegen der kriegerischen Abenteuer der Wasa-Familienbande in Übersee war Schweden von einem Überschuss an Frauen betroffen. Aus diesem Grund trafen sie viele wichtige Entscheidungen im Alltag und nahmen auch höhere berufliche Positionen ein. So verkauften mindestens vier Geschäftsfrauen des 17. Jahrhunderts an die Marine Holz, das zum Bau des Kriegsschiffes Vasa genutzt wurde. Eine von ihnen war Brita Gustafsdotter Posse, die durch den Holzverkauf signifikante Einkünfte erzielte. Weitere Frauen waren auch beim Bau des Schiffes direkt eingebunden. Und auch beim Sinken des Schiffes waren mindestens zwei Frauen an Board, die wohl Angehörige der Schiffsmitglieder waren.

Fotograf Christoph, Ausstellung Vasa’ s women: Always present – often invisible

Die Sonderausstellung wird als ein Korrektiv für die männliche Leseart der Geschichte des Kriegsschiffes Vasa verstanden. In der Zukunft wird das Vasa Museum ihre Ausstellung umarbeiten und wohl noch stärker Frauen in den Mittelpunkt rücken. Auch neue und andere Perspektiven werden aus der Sammlung herausgelesen, um ein runderes Bild von der Wasa-Zeit zu geben. Ein Kriegsschiff als ein Medium für eine maritime Geschichte, die Frauen-, Geschlechter-, Migrations-, Technik- und Wirtschaftsgeschichte thematisiert. Ist das Meer also komplexer als eine heteronormative Wirklichkeit? Und am Ende vielleicht ein queeres Kriegsschiff?

(Christoph)

 

 

 

 

 

 

 

 

3 Replies to “Das Kriegsschiff Vasa und die Frauen”

  1. Lieber Christoph,

    wunderbar, dass du nach #SchlossGenuss jetzt auch bei #DHMMeer mitmachst – was für ein toller Post! Tatsächlich lernte ich jetzt viel. Mir war die Rolle der Frau in der Schifffahrt und hier insbesondere der Familientwist nicht bekannt. Wie spannend, dass sich ein Museum den Aspekt – Frauen und Schifffahrt – aufgegriffen hat.

    Ein ganz herzliches Dankeschön für diesen tollen Post!
    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

    1. Liebe Tanja,
      ich danke dir ebenfalls. Die tollen Blogparaden, die du immer mitorganisierst, laden mich immer ein, Museen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln zu betrachten.

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