Das (un-)demokratische Museum. Ein umkämpfter Ort


Rebecca Kennison: Ceiling of the Guggenheim Museum in New York City, 2001

Deutsches Historisches Museum lädt erneut zur Teilnahme an einer neuen Blogparade ein. Unterstützt wird es von Tanja Praske. Nicht mehr das blaue und wellige Meer ist nun das Thema. Die Frage lautet diesmal „Was bedeutet mir die Demokratie?“. Eine Frage mit zeitpolitischer Relevanz, schließlich wird diese in vielen Ländern durch den Populismus herausgefordert. In diesen stürmischen Zeiten sind Museen beliebte Hochburgen – und zwar für alle.

Hochburgen des Diskurses: Oder lasst uns gemeinsam sterben im Museum, nur hypothetisch!

Kunst- und Wunderkammern stehen auf der Zeitleiste musealer Entwicklung vor den heutigen Museen. Sie versammelten das Wissen ihrer Zeit, das durchaus kuriose Züge haben konnte. Dazu gehörten nicht nur die Bastelarbeiten adeliger Personen, sondern auch viele Fundstücke aus der Natur. Vermutlich war in so einem Sammelsurium von Dingen auch der Bezoar zu finden, mit dem bekannterweise Harry Potter den vergifteten Ron Weasley rettete. In den Kunst- und Wunderkammern war der Dialog entscheidend: Der Austausch des Wissens der Inhaberinnen dieser speziellen Sammlungsorte mit den Besucherinnen. Geht es also noch partizipativer? Natürlich hatte nicht jeder Zugang zu diesen Sammlungen, also vielleicht sind sie nicht die besten Beispiele einer demokratischen Institution.

Und dann kommt Carl von Linné (1707–1778) und seine Kumpanen, die in gemeinsamer Anstrengung beseelt durch die Tugenden der Aufklärung die Welt entzaubern. Ihr Erbe ist eine systematisierte Welt (des Museums), die das Verstehen einer wissenschaftlichen Sprache voraussetzt. Das Mitreden ist nicht mehr gewünscht. Die Kategorisierungen und Klassifikationen machen es schwer. Museen werden zu Institutionen mit einer Deutungshoheit. Was sie sagen, das gilt! Bis heute wird ihnen geglaubt. Sie sind also die beste Kulisse für ein „die-in“. Natürlich nur hypothetisch und für eine gute Sache. In diesem Fall wurde im April dieses Jahres das Natural History Museum in London zur Bühne. Gegen den Klimawandel sich totzustellen, zwischen den toten und ausgestorbenen Objekten im Museum. Geladen hat die Extinction Rebellion, die im vergangenen Jahr von britischen Wissenschaftlern gegründet wurde. Eine neue Form der Beziehung zwischen Objekten und den Besucher*innen. Wie lautete bloß der Ausstellungstext dazu? Vielleicht: „Tut was, sonst haben wir uns bald selbst musealisiert!“

Hochburgen der Werte: Oder was hat eigentlich eine Banane damit zu tun?

Im 19. Jahrhundert öffnen Museen ihre Pforten der Öffentlichkeit. Bestaunen und Bewundern ist die Devise. So nebenbei werden den proletarischen Besucherinnen nützliche Werte und Normen vermitteln. Sie orientieren sich an dem vielleicht etwas verklemmten Bürgertum. Nun aber die Überleitung zu den Bananen: Diese sind nicht nur gelb, sondern auch so schön krumm. Nur wenig Fantasie wird benötigt, um in dieser Delikatesse ein phallisches Symbol zu erblicken. In einem streng katholischen Land wie Polen kann das krumme Gelbe schon zur Errötung des Gesichts führen. Klar, dass so eine Banane die Werte des Landes bedroht. Also musste das Bild „Konsumkunst“ (= „Sztuka konsumpcyjna“) der Künstlerin Natalia Lach-Lachowicz (geb. 1937) vor wenigen Tagen abgehängt werden. Bis dahin war es in dem Nationalmuseum in Warschau zu sehen. Das 1972 entstandene Werk gefährde die jugendlichen Besucherinnen. Auf diesem nutzt die Künstlerin eine Banane ganz im phallischen Sinne, um die Betrachter*innen herauszufordern.

Im Depot verschwand gleich auch ein künstlerischer Beitrag von Katarzyna Kozyra (geb. 1963). Es zeigt die Künstlerin, die zwei Hunde an der Leine hält. Ihre Schnauzen haben die Gesichter von Nietzsche und Rainer Rilke. So was wollen wir doch nicht im Museum sehen. Viel lieber sind den Besucher*innen sicherlich nackte Schönheiten, die sich zwischen Bacchus und seinen Kumpanen im Buschwerk, auf Wiesen und an Seeufern rekeln. Diese bedrohen natürlich nicht die gesellschaftlichen Werte.

Aber wir sind nicht mehr im 19. Jahrhundert. So ist auf dieser Banane der Direktor Jerzy Miziołek ausgerutscht. Gegen das Abhängen der Werke und ihr Verbannen ins Depot formierte sich ein gelber Widerstand. Mit der Banane in der Hand und zwischen den Kauwerkzeugen wurde das Museum als Bastion der Freiheit und Toleranz verteidigt. Bereits vor dem Protest am 29.04.2019 ließ der Direktor verlauten, dass die Werke in die Ausstellung zurückkehren werden. Ein kleiner Sieg ohne „die-in“, dafür aber mit einer Banane in der Hand oder im Mund vor den Toren eines Museums.

Bling-bling-Hochburgen: Oder wem gehören sie eigentlich?

Museen sind schon schicke Häuschen. Im 19. Jahrhundert wurden sie als Tempel des nationalen Stolzes konzipiert. Heute werden lieber Bling-bling-Häuser gebaut. Stararchitektinnen werden geladen, um diese Luxushütten zu bauen. Doch wer zahlt eigentlich die Rechnung? Politikerinnen sind wohl der Meinung, dass sie die Gelder bereitstellen. Folglich haben sie das Recht zu bestimmen, was und wie gezeigt wird. Natürlich nur indirekt. Und es ist auch schön, wenn ein Kollege oder eine Kollegin aus der Partei eine Position im Haus bekommt. Ungarn und Polen zeigen es vor, wie es mit der Ämterbesetzung funktioniert. Natürlich gibt es auch reiche Mäzene und Mäzeninnen, die ein paar Münzen rollen lassen. Nach ihnen wird vielleicht dies oder jenes benannt und alle freuen sich. Das ist allerdings nicht immer so.

Am Anfang des Jahres formierte sich in den USA Protest gegen die Sackler-Familie. Sie unterstützte finanziell das Metropolitan Museum, Guggenheim Museum, Smithonian, den Louvre und die Universitäten Harvard und Oxford. Die Familie besitzt das Unternehmen Purdue Pharma, das im Zentrum der amerikanischen Opium-Krise steht. Hier geht es nicht mehr um ein hypothetisches „die-in“, sondern um wirklich sterbende Menschen. Im Sortiment des Unternehmens ist das starke Schmerzmittel Oxycontin, deren Wirkung und die Gefahr der Abhängigkeit heruntergespielt wird. Im Guggenheim wurde dagegen protestiert.

Das Bling-bling-Museum als Forum. Wem gehören also Museen? Oder wem gegenüber sind sie verantwortlich? Wie unabhängig müssen sie sein? Sind sie es überhaupt? Kann überhaupt von Museen als solchen gesprochen werden? Schließlich sind sie am Ende nur von Mauern getragene Gebäude, die von den in ihnen tatsächlich wirkenden Menschen belebt werden? Wie viele von ihnen haben aber eine fixe Einstellung? Oder anders, wie viele leben in Prekarität? Wie frei können sie ihre Meinung äußern? Fragen über Fragen, was nicht schlecht ist, denn Fragestellen gehört zur Demokratie dazu.

Siehe auch:
Joanna Walters: Opioid crisis protesters target New York’s Guggenheim over Sackler family link. In: The Guardian, 10.02.2019.
Extinction Rebellion: Climate change protesters at Natural History Museum. In: BBC, 22.04.2019.
Kunstzensur in Polen. Mit Bananen auf die Barrikaden. In: taz, 01.05.2019.

2 Replies to “Das (un-)demokratische Museum. Ein umkämpfter Ort”

  1. Lieber Christoph,

    danke, dass du erneut bei einer Museums-Blogparade, hier #DHMDemokratie, dabei bist!

    Ein Direktor, der auf einer Banane ausrutscht und das “die-in” finde ich sehr treffend zu dem, ob Museen demokratisch oder die Stimme der Laien vertreten. Deutungshoheit ist so eine Sache. Als ich den Anfang zu Wunderkammern las, dachte ich, oh, hinsichtlich von Demokratie wird das jetzt schwierig, es sei denn, es ist als kritischer Aufhänger genutzt. Um so spannender fand ich dann den Kehrtschweng bzw. die Beispiele, die du brachtest. Gedanken, die wir Museumsmenschen uns zu stellen haben.

    Merci dir!
    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

  2. Hallo Christoph,

    auch ich hab mich an der Blogparade beteiligt – mein Thema ist deinem irgendwie ähnlich. Ich beschäftige mich mit der Frage, wer in einer Demokratie die Erinnerungskultur bestimmen darf. Als Beispiel habe ich Kurt Eisner gewählt, der mit Denkmälern bis dato eher Pech hatte, aber jetzt gibt es ein Graffiti mit den Akteuren der Revolution.
    Falls du reinlesen willst, meinen Beitrag findest du hier:
    https://teresaohneh.wordpress.com/2019/05/12/blogparade-dhmdemokratie-demokratisierung-von-denkmaelern-durch-graffiti-kuenstler/

    Viele Grüße
    Teresa

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.