Ein Freiheitszug für Biden

Freedom Train (NAID 12167190)

Seit in etwa zwei Wochen haben die USA einen neuen Präsidenten. Donald Trump ist Geschichte. Joe Biden ist die Zukunft, zumindest die Gegenwart der nächsten vier Jahre. Zu seinen wichtigsten Aufgaben zählt die Überwindung der gesellschaftlichen Spaltung. Wie wäre es da mit dem Revival einer alten Idee? Mit einem Freiheitszug, der die gespaltene Nation erneut vereinigt? Einer Ausstellung auf Schienen, die eine gemeinsame Geschichte und Zukunft in Erinnerung ruft?

Zugegeben, die Idee von einem Freiheitszug ist nicht unbedingt neu. So eine Ausstellung auf Schienen begab sich auf ihre Reise am 17. September 1947. Die Fahrt begann in Philadelphia. Nach 413 Tagen, 322 Städten in 48 Staaten hat am 22. Januar 1949 der Freiheitszug seinen letzten Bahnhof in der Hauptstadt Washington erreicht. Die Ausstellung war so erfolgreich, dass zwischen 1975 und 1976 ein weiterer Freiheitszug unterwegs war. Diesmal jedoch ohne Originale am Board.

Freedom Train, ein Lied von Irving Berlin, gesunken von Bing Crosby

Vielleicht ist die Idee nicht neu, jedoch sprechen einige Argumente für sie. Und die Überlegungen passen in unsere Zeit. Schließlich ist so ein Zug höchst ökologisch im Gegensatz zu einem Freiheitsflugzeug. Im Prinzip ist es ein etwas größerer Museumskoffer, der auf eine Rundreise geschickt wird. Und der Grundgedanke ist auf jeden Fall edel: Das Ziel ist die nationale Spaltung der USA zu überwinden. Ein Thema, das Joe Biden in seiner Inaugurationsrede mehrfach angesprochen hat.

Die Idee für den ersten Freiheitszug hatte William Coblenz. Er war Beamter im Justizministerium. In seiner Mittagspause besuchte er eine Ausstellung mit Nazi-Dokumenten im Nationalarchiv der USA. Coblenz bedauerte, dass nur wenige Personen diese sehen würden. Gerne hätte er den Nazi-Dokumenten Objekte aus der amerikanischen Geschichte gegenübergestellt und sie auf eine Reise geschickt. Er wollte so allen Amerikanerinnen und Amerikanern die Ausstellung zugänglich machen.

Die Idee von Coblenz gefiel Tom Clark. Er war Justizminister im Kabinett von Präsident Harry S. Truman. Besorgt von der Entwicklungsrichtung der amerikanischen Gesellschaft, hoffte er, dass die Ausstellung staatsbürgerliches Pflichtbewusstsein, den Glauben an die Freiheit und an das historische Erbe stärken würde. Im gewissen Sinne war der Zug für ihn ein Propagandainstrument. Der Kalte Krieg begann gerade und Clark sah die USA von subversiven Kräften bedroht. Auch Präsident Truman erkannte die pädagogischen Möglichkeiten der Idee. Dieser hoffte wiederum, dass durch die Ausstellung der Stolz auf die amerikanischen Institutionen wachsen würde. Gleichzeitig würde die Ausstellung den Triumph des amerikanischen way of life gegenüber dem Despotismus zeigen.

Das Projekt Freiheitszug hört sich schon nach Hollywood an. Tatsächlich waren bei der Finanzierung und Umsetzung der Idee einige Hollywood-Bosse einbezogen. Mit anderen Beteiligten aus der Medienwelt und Privatwirtschaft im Allgemeinen wurde der Plan gefasst, den Amerikanismus den Amerikanerinnen und Amerikanern zu verkaufen. Ein Mittel dazu war ein dichtes Veranstaltungsprogramm. Die sogenannten „Rededication Weeks“ haben eine Woche gedauert. Bei der Organisation waren die lokalen Gemeinden eingebunden. Vielfach wurde ein Frauentag, Veteranentag, Arbeits-und Industrietag sowie ein Tag für alle Religionen organisiert. Diese Veranstaltungen fanden nicht nur in den großen Städten statt. Auch die kleineren Orte haben sich ein Rahmenprogramm überlegt. In Terre Haute im Bundesstaat Indiana konnten neben patriotischen Reden ein Square-Dance besucht werden. So etwas wie ein Faschingsumzug wurde ebenfalls geplant. Dieser wurde patriotisch gedeutet, da historische Persönlichkeiten so wieder ins Leben geweckt wurden – eine Form von Living History.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit befand sich der Freiheitszug. Er war mit 126 Dokumenten beladen, die von 27 Marines bewacht wurden. Kommandiert hat sie Lt. Col. Robert F. Scott. Er und seine Truppe beschützten unter anderem die Verträge von Versailles von 1783, die Bill of Rights, Emanzipationsproklamation und den Mayflower-Vertrag. Doch nicht alle waren mit der Wahl der Exponate zufrieden. Sie wurden nämlich so gewählt, dass sie sensible Themen nicht berührten: Frauenrechte, Arbeitsrechte und die Rechte der Afroamerikaner*innen.

Von links nach rechts: Elizabeth Hamer (Mitverantwortliche im Nationalarchiv für die Auswahl der Dokumente), Margaret (Peggy) Mangum und Elizabeth Bukowsky (NAID 12167218)

Der Freiheitszug hat schon mit seinem Namen ein sensibles Thema mehr als nur berührt. Es war die Freiheit selbst, die damals nicht für alle Amerikanerinnen und Amerikaner das Gleiche bedeutete. Für weiße Personen war Freiheit ein Gut, das sie besaßen. Für Schwarze US-Bürger*innen war sie ein Ziel, das es zu erreichen galt. Ein Ziel, das noch weit entfernt schien, denn in vielen Bundestaaten waren ihre Rechte massiv eingeschränkt. Ihr Alltag war durch eine Rassentrennung bestimmt, die ihnen Selbstständigkeiten der weißen Mehrheitsgesellschaft verbot.

Es stellte sich somit die Frage nach der Organisation des Besuches in den Südstaaten: Ob alle Personen unabhängig davon wie sie aussehen oder als was sie definiert werden gleichen Zugang zur Ausstellung haben werden. In einigen Städten des Südens wollten die politischen Vertretungen den Besuch getrennt stattfinden lassen. So wurden unterschiedliche Besuchszeiten den Organisator*innen des Freiheitszuges vorgeschlagen. Doch diese entschlossen sich die Ausstellung allen zu öffnen. Natürlich spielte hierbei der gesellschaftliche Druck eine Rolle. Schließlich wurde nicht nur die Auswahl der Objekte kritisiert, sondern auch, dass die Organisatorinnen fast ausschließlich aus der weißen Mehrheitsgesellschaft kamen.

Links Col. Robert F. Scott (NAID 74229027)

Möglicherweise wirkte sich diese Kritik positiv auf die Haltung des Organisationsgremiums des Freiheitszuges aus. Auf jeden Fall wurden Besuchszeitkonzepte der Städte des Südens abgelehnt, da sie nur die Segregationspolitik unterstützen würden. Aus diesem Grund ist der Freiheitszug nur durch Birmingham in Alabama durchgefahren. Angehalten wurde nicht, weil hier der Politiker Bull Connor an der Rassentrennung festhalten beabsichtigte. Alle Bürger*innen von Birmingham wurden so gezwungen zur nächsten Haltestelle des Freiheitszuges zufahren, wenn sie die Ausstellung sehen wollten. Hier mussten sie sich mit ihren Schwarzen Mitbürgerinnen und Mitbürgern in der Reihe anstellen, um den Zug zu betreten. Zur Ausschreitungen kam es deswegen nirgendwo.

Der Freiheitszug war ein riesiger Erfolg. Manche sehen die Ausstellung auf Schienen als einen kleinen aber wichtigen Schritt, der zur lauten Artikulation der Forderungen der 1960er-Jahre führte. Wenn wir die Diskriminierung aufgrund der Herkunft, äußerer Merkmale oder Religion etc. berücksichtigen, sind diese Forderungen noch immer nicht erfüllt. Und die USA sind weiterhin gespalten. Trumps Verhalten und Politik hat die gesellschaftliche Teilung nur verschärft. Joe Biden sprach von Einigkeit und von einer wahrhaften Union, die er beenden möchte. Ein Freiheitszug könnte ihm dabei helfen. Themen für die Ausstellung gibt es neben Black Lives Matter, Mee Too und Umweltfragen mehr als genug.

Weiterführende Literatur

Greg Bradsher (2017): The Freedom Train and the Contagion of Liberty, 1947-1949 – Rediscovering Black History (archives.gov)
Greg Bradsher (2020): The Freedom Train, 1947-1949
Eric Foner (2004): The Idea of Freedom in American History.
Stuart J. Little (1993): The Freedom Train: Citizenship and Postwar Political Culture 1946-1949

Alle Fotos aus National Archives: NAID 12167190, LI 64-NA-1-20; NAID 12167218, LI 64-NA-1-36; NAID 74229027, LI 64-PR-108-7

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