Ideale Museumsleiter*innen in Wien und Warschau gesucht

Zwei Direktorenstellen werden wohl bald ausgeschrieben werden. Grund genug für Museumsdinge darüber nachzudenken, was potentielle Kandidat*innen so an Befähigungen mitbringen sollten. Den Unentschlossenen und Unsicheren hilft da vielleicht ein Artikel aus der Museumskunde von 1906.

Nicolaus Schafhausen legte im Mai seinen Job als Direktor der Kunsthalle Wien nieder. Aus politischen Gründen mag er einfach nicht mehr. Sein Statement dazu ist in der Süddeutschen Zeitung und auf der Presseseite der Kunsthalle Wien nachzulesen. Im der Standard berichtete Anne Katrin Fessler über den Rücktritt. Sie sieht eher eitle Motive dahinter. Auch in Warschau wird eine Stelle frei. Da gibt Agnieszka Morawińska auf. Seit 2010 leitete sie das Nationalmuseum Warschau (Muzeum Narodowe w Warszawie). Als einen Grund gab sie die mangelnde Kommunikation mit dem Kulturministerium bekannt. Der Leiter dieses Ministeriums ist Piotr Tadeusz Gliński (PiS), der eigentlich sehr bemüht darum ist, Polen immer gut aussehen zu lassen. Natürlich ganz im Sinne der Politik seiner Partei. In Österreich und Polen scheinen die Ziele dabei doch sehr ähnlich zu sein. Herr Schafhausen und Frau Morawińska könnten sich bei einem Kaffee sicherlich gut darüber unterhalten. Da nun zwei Stellen bald frei werden, stellt sich die Frage, wie eine ideale Nachfolgerin oder ein idealer Nachfolger sein sollte.

Willam Evans Hoyle hat in seinem Artikel „Die Vorbildung eines Museumsdirektors“ über die Fähigkeiten und Fertigkeiten nachgedacht, die ein Museumsdirektor mitbringen sollte. Keine geschlechtersensible Sprache an dieser Stelle, da er wohl 1906 weniger an die Befähigung von Frauen für diese Position nachdachte. Der Herr war Zoologe, Museumsdirektor und Präsident der Museums Association of Great Britain. Auch wenn er nicht im Kunstbereich tätig war, so finden sich in seinem Text doch einige interessante Ansätze. Wer sich drin wiederfindet, sollte auf jeden Fall sich für den Job in der Kunsthalle Wien oder im Nationalmuseum in Warschau bewerben!

Nun, als erstes, aber nicht ausschließlich, seien die richtigen Gene wichtig. Doch da Genialitäten selten seien, komme auch die mit den besten Eigenschaften ausgestattete Person nicht um eine solide Ausbildung umher. Schließlich, wie Hoyle sagt, „[sie] springt nicht wie Athene voll bewaffnet aus dem Haupte des Zeus.“ Also nochmal Glück gehabt! Doch die Konkurrenz schlafe nicht und die „Portale unseres Berufes“ werden „mit lüsternen Augen betrachtet.“ Nicht hilfreich seien da die Behörden, die sich eher an praktischer Erfahrung orientierten aber nicht an wissenschaftlicher Befähigung. Heute würde er sagen, dass sie sich eher für das Parteibuch interessieren als an allem anderem. In nicht einmal „prähistorischer“ Zeit sei es nicht ungewöhnlich gewesen, dass „man die Direktorenstellen an Personen verlieh, die in ihrer Art ohne Zweifel ganz vorzüglich und achtbar waren, aber denen jegliche Vorbildung fehlte, um den Pflichten, die sie erwarteten, irgendwie gerecht werden zu können.“ Ein langes Zitat, das denjenigen Mut macht, die die vorgeschriebene Studienzeit eindeutig überschritten haben und vielleicht über das notwendige Netzwerk verfügen. Für Hoyle sei damit auch die Zeit passé, dass die pensionierten Offiziere die „geeignetsten Leute zur Oberleitung und Weiterführung der wissenschaftlichen und Kunstmuseen wären.“ Ich bin mir nicht sicher, ob Nicolaus Schafhausen einer derjenigen war, da ich seinen CV nicht gelesen habe. Der war mir einfach zu lang. Bei Agnieszka Morawińska weiß ich aber, dass ihre Nachbarinstitution noch das Museum der polnischen Armee ist. Diese zieht aber bald in eine schickere Adresse um, in die Zitadelle Warschau. Sie wird sozusagen Teil der geschichtspolitischen Festung Warschau werden.

Nun jetzt aber zu der Ausbildung, die nach Willam Evans Hoyle einen „Idealdirektor“ ausmacht. Dieses Zitat ist lang und gehört auf jeden Kühlschrank einer an Karriere im Kulturbereich interessierten Person.

  1. „Allgemeine Bildung, Takt und Höflichkeit; die Fähigkeit »Narren mit Humor zu ertragen«.
  2. Geschäftsmäßiges und methodisches Verfahren.
  3. Feinen Kunstsinn und Würdigung des Schönen.
  4. Kenntnisse – und zwar je gründlicher, desto besser – in folgenden Fächern:
    a) Physikalische Wissenschaften;
    b) Naturkunde, namentlich vom systematischen Gesichtspunkte aus; auch möchten die Methoden, nach denen die von der Natur geschaffenen Dinge klassifiziert werden, und die Einteilungsgründe bekannt sein;
    c) Archäologie; alte und mittlere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der menschlichen Handarbeit in ihrer Eigenart und nach ihrer chronologischen Entwicklung;
    d) Kunstgeschichte mit den besonderen Merkmalen für die verschiedenen Perioden und Künstler;
    e) Geographie; mit besonderen Berücksichtigung der Naturerzeugnisse jedes Landes und der Verteilung der Urvölker; deren Werkzeuge, Waffen, Geräte und Kunstwerke;
    f) Baukunst; Grundrisse und Entwürfe von Gebäuden; Heizungs-, Beleuchtungs- und Lüftungsmittel;
    g) Anfertigung von Museumsschränken und Pulten mit Schlössern und staubsicheren Verschlußvorrichtungen;
    h) Technik verschiedener Kunstzweige, Ausbessern und Auffrischen von Kunstwerken;
    i) Konservierung und Aufstellung der Gegenstände; Ausstopfen;
    k) neue Methoden beim Verfassen von Verzeichnissen und Katalogen;
    l) Genügende Kenntnisse im Französischen und Deutschen, die ihn befähigen, Zeitungen und sein Fach einschlägige Werke zu lesen.
  5. Praktische Handhabungen der hauptsächlichen Werkzeuge für Holz, Metall- und Steinbearbeitung.
  6. Das Vermögen, Englisch korrekt und womöglich elegant zu schreiben, und besonders Geschick im Abfassen klarer und zutreffender Schilder.
  7. Erfahrung im Umgang mit Assistenten und – darf ich hinzufügen? – mit Kuratorien.
  8. Die Fähigkeit populäre Vorträge und Demonstrationen zu halten.
  9. Schließlich sollte er auch noch ein skrupelloser und unverschämter Bettler sein.“

Das ist schon so allerhand, das die Bewerber*innen mitbringen sollten. Da kommen noch Kleinigkeiten dazu, die so ein „Idealdirektor“ mitbringen sollte. „Je vielseitiger er ist, desto besser! Ein Museumsbeamter kann eben niemals zuviel [sic!] wissen.“ Natürlich unterscheiden sich die Anforderungen für die Leitung eines Kunstmuseums von denen eines wissenschaftlichen Museums. Unter Kunstmuseen verstehe er die Bildungsstätten, „deren Schätze als Material zur ästhetischen Betrachtung dienen; wo sie aufgestellt sind, daß jeder derselben sich am vorteilhaftesten ausnimmt und das ästhetische Gefühl des Beschauers völlig befriedigt, ohne daß darauf ausgegangen wird, Kenntnisse zu vermehren oder zu verbreiten.“ Das wissenschaftliche Museum hat folglich den Zweck, „an einem oder mehreren Gegenständen den Zustand des menschlichen Wissens darzulegen und Mittel an die Hand zu geben, sie zu vertiefen.“

Die Bildung des „Idealdirektors“ eines Kunstmuseums sei für ihn ein heikles Thema und er halte sich nicht für kompetent genug, auf dieses wirklich einzugehen. Doch das Erfordernis sei Kunstsinn, „und das ist eine angeborene Gabe, die wohl ausgebildet, aber nicht angelernt werden kann, wenn der Keim dazu nicht vorhanden ist.“ Wenn Sie diesen „Keim“ haben, dann sollten Sie in Ihrem Lebenslauf folgende Fächerkombination zusätzlich haben: „Geschichte – allgemeine sowohl als auch Kunstgeschichte – und Literatur, die doch so vielen Kunstwerken den Stoff liefert; Archäologie und, vom praktischen Standpunte [sic!] aus, das technische Verfahren beim Bearbeiten des verschiedenen Materials.“

Also, wenn Sie eine unverschämte Bettlerin oder ein unverschämter Bettler sind, der/die Narren und Narrinnen mit Humor erträgt und gleichzeitig feinen Kunstsinn besitzen, wenn Sie Erfahrung im Umgang mit Assistent*innen haben und Museumsschränke und Pulte anfertigen können sowie allerlei weitere Dinge wissen, dann sind Sie sicherlich die richtige Wahl für eine Stelle als Museumsdirektor*in! In Polen und Österreich brauchen Sie aber noch die richtige politische Gesinnung, dafür können Sie wohl einige Abstriche im Lebenslauf machen. Statt Latein sollten sie eher einen Kurs im demagogischen Auftreten besuchen. Damit werden Sie sicherlich auch einen Job in Warschau, Wien und vermutlich auch in Budapest erhalten. Ist da gerade irgendwo eine Stelle frei???

Lit.: Willam Evans Hoyle: Die Vorbildung eines Museumsdirektors. In: Museumskunde Bd. 2 (1906), S. 175–189. Der Originaltext erschien unter: The Education of Curator. In: The Museums Journal, Juli 1906, S. 4–24.

(Christoph)

 

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