Kunst und Therapie oder Kunst als Therapie

Muzeum Narodowe w Warszawie, 2010, CC BY-SA 4.0


Was tut sich so Neues in der polnischen Museumsszene? Die letzten Wochen habe ich die Museumslandschaft nicht beobachtet. Nun hier aber ein paar Neuigkeiten gleich zum Jahreswechsel.

Am zweiten Januar öffnete das Muzeum Susch in dem schweizerischen Hochtal Engadin seine Pforten. Was hat diese Neuigkeit mit Polen zu tun? Nun, die Begründerin des Museums ist die polnische Unternehmerin und Kunstmäzenin Grażyna Kulczyk. Die wohl reichste Polin hat sich in der Schweiz einen Traum erfüllt und ein Museum für die Gegenwartskunst eröffnet. Das Museum ist in einer ehemaligen Brauerei untergebracht, die wegen Raumnot durch weitere Gebäude ergänzt wird. Für den (Um-)Bauarbeiten waren die Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy zuständig.

Der Schwerpunkt des Museums liegt auf der polnischen und mitteleuropäischen Nachkriegskunst. Mit dem Haus erhalten aber auch regionale Künstler*innen eine Plattform. Das Museum soll ein Ort der Vermittlung zwischen Ost und West sein. Hierfür ist es nicht nur mit Ausstellungsräumen ausgestattet, sondern besitzt auch Räumlichkeiten für Konferenzen, Performances, eine Bibliothek, Arbeitsplätze, ein Atelier und ein Bistro. Einer der Schwerpunkte des Museums wird feministisches Engagement sein. Passend dazu ist die Eröffnungsausstellung »Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen« mit einem Blick auf die Weiblichkeit aus einer feministischen Perspektive.

Eigentlich plante die neue Museumsbesitzerin zwei Museen. Eines sollte in Warschau entstehen und das zweite eben in der Schweiz. Das schweizerische Haus war als eine Visitenkarte für Polen und polnische Kunst geplant. Das größere Museum sollte sich jedoch in Warschau befinden. Doch laut Piotr Sarzyński bestand kein Interesse bei den Verantwortlichen in Warschau. Wie auch immer. Nun hat die Schweiz ein weiteres Museum. Es schließt sozusagen an die Tradition von polnischen Museumsgründungen in der Schweiz an. Ich denke dabei an das Polenmuseum Rapperswil.

Was tut sich aber in Polen? Im Nationalmuseum Warschau brodelt es zumindest gewaltig. Weniger ist hier die Rede von einer Ausstellung als von dem Leiter des Hauses, Jerzy Miziołek. Er war wohl der ideale Museumsleiter (siehe dazu Artikel Ideale Museumsleiter*innen in Wien und Warschau gesucht), der Agnieszka Morawińska beerbte. Laut eines Artikels von Aleksander Hudzik in der Zeitschrift Newsweek entpuppt er sich gerade als ein Haustyrann. Zuerst verabschiedete er seinen Stellvertreter und Kurator Piotr Rypson aus dem Amt. Dieser versteht, dass ein neuer Direktor sich lieber selbst einen Stellvertreter oder eine Stellvertreterin sucht. Was er jedoch nicht versteht ist, wieso er auch seine Position als Kurator räumen musste. Der ehemalige Kurator, spezialisiert auf Avantgarde-Kunst, war für den Aufbau der Galerie des 20. Jahrhunderts verantwortlich. Die Gegenwart ist für den neuen Leiter weniger von Interesse.

Eine seiner Mitarbeiterinnen verrät im Artikel, dass Jerzy Miziołek eine Atmosphäre des Terrors eingeführt hat. Andere fügen hinzu, dass der »selbstverliebte« Direktor keinen Widerspruch mag. Wem das nicht passe, solle den Raum verlassen. Vielleicht ist er einfach skeptisch gegenüber seinen neuen Mitarbeiterinnen. Vielleicht kennt er sie noch nicht und braucht noch ein bisschen. Bis dahin wird das Haus jedenfalls nicht untergehen. Der neue Leiter hat schließlich vier neue Mitarbeiterinnen mitgebracht, die er seine »jungen Augen und Ohren« nennt. Nun, schwer zu sagen, ob diese Vorwürfe stimmen. Vielleicht wird er nur kritisiert, weil er ein kritisches Museum etablieren möchte. Sein Vor-Vorgänger Piotr Piotrowski hat schließlich so eines gefordert. Er träumte von einem postmodernen Museum, das sich im Dialog mit unterschiedlichen Akteur*innen einem Pluralismus an Perspektiven öffnet. Er musste gehen, hatte aber dadurch Zeit sein Buch „Kritisches Museum“ (Muzeum krytyczne) zu schreiben. Nun ist die Frage, wie lange der gegenwärtige Leiter bleibt.

Und noch eine »schlechte Nachricht« zum Schluss. Eine katholische Kapelle wird nicht im Museum des Zweiten Weltkrieges in Danzig entstehen. Offensichtlich bestand ein Plan, solche zu bauen. Ich bin mir nicht sicher, was die Gründe dagegen waren. Vielleicht schlicht und einfach kein Platz, weil leere Räume einfach mit heißer Ware (siehe Artikel Heiße Ware. Shop des Museums des Zweiten Weltkrieges) belegt sind. Vermutlich eher aufgrund von Angst vor erneuten kritischen Kommentaren. Mein Tipp also an all die polnischen Museologen und Museologinnen, die schon in der ersten Woche des neuen Jahres unter nervöser Anspannung leiden: In der Nähe des neuen Museums Susch befindet sich die Burnout-Klinik Holistica Engiadina. Kunst und Therapie, oder Kunst als Therapie, ich kenne mich nicht mehr aus.

Siehe auch:

Jürg Wirth: Ein polnisches Märchen, Zeit online, 24.12.2017

Marina U. Fuchs: Mäzenin macht Susch zum Kunstmekka, Südostschweiz 05.01.2017

Susanna Koeberle: Neuer Pilgerort für die Kunst, Swiss-Architects, 22.05.2018

Piotr Sarzyński: Warszawa nie chce muzeum z kolekcją Grażyny Kulczyk. Szwajcarzy chętnie je przyjmą, Polityka, 25. Oktober 2016

Aleksander Hudzik: Oczy i uszy nowego dyrektora. Jak profesor Jerzy Miziołek rządzi Muzeum Narodowym? Newsweek, 04.01.2019

Katolicka kaplica w Muzeum II Wojny Światowej? „Dobrze, że Rada Muzeum wyraziła wątpliwości”, Newsweek, 03.01.2019

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