Museum der „Erinnerung und Identität“ in Toruń

Fotograf Lothar Schaack, Johannes Paul, Bundesarchiv, B 145 Bild-F059404-0019 / CC-BY-SA

Der Museumsboom in Polen hält an. Der polnische Kulturminister Piotr Gliński von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) darf den Vertrag über die Eröffnung eines weiteren Museums unterschreiben. Nun ist es das Museum der „Erinnerung und Identität“ („Pamięć i Tożsamość“) in Toruń.

Am 20. Juni wurde der Vertrag über die Eröffnung eines neuen polnischen Museum unterschrieben. Diesbezüglich wurde kein willkürliches Datum ausgesucht, sondern eine Art Jubiläum. Exakt vor 98 Jahren wurde der ehemalige polnische Papst Johannes Paul II. getauft – das Museum ist nach ihm benannt und hier werden auch seine Lehren vorgestellt. Die Vertragsseiten waren auf der einen Seite das Ministerium für Kultur und nationales Erbe und auf der anderen Seite die Lux Veritatis Stiftung. Diese wurde 1998 unter anderem von Pater Tadeusz Rydzyk aus Toruń begründet. Er ist ein umtriebiger Geistlicher, der den national-katholischen Rundfunksender Radio Maryja leitet. Seine Medienpräsenz nutzt er immer wieder auch politisch aus. So auch bei den Wahlen 2015. Dieser unermüdliche politische Einsatz für den Konservatismus und Katholizismus zahlt sich nun für ihn seit der Machtübernahme durch die Partei Recht und Gerechtigkeit aus. Bereits im Dezember 2017 hat der Sender TVN 24 darauf hingewiesen, dass Tadeusz Rydzyk und seine Institutionen schon mehr als 73 Millionen Złoty überwiesen bekommen haben (Link).

Natürlich hat das alles mit dem Museum nichts zu tun. Der Kulturminister betont, dass das Museum der „Erinnerung und Identität“ nur eines der vielen Museen sei, dass gerade das Ministerium für Kultur und nationales Erbe entstehen lasse. Die bekannteste Institution ist das Museum der Geschichte Polens (Muzeum Historii Polski), das bereits seit 2006 existiert und nun ein eigenes Gebäude erhält. Eines der neuesten Projekte ist das “Muzeum Pamięci Mieszkańców Ziemi Oświęcimskiej”. Das Museum soll 2021 eröffnet werden. Es wird sich der Bevölkerung der Orte um das Konzentrationslager Auschwitz widmen. Der Fokus wird auf ihren Widerstand und ihre unter Einsatz ihres Lebens geleistete Hilfe für die Gefangenen des Konzentrationslagers gelegt.

Und das Museum der „Erinnerung und Identität“? Hier sind die Themen wie folgt: Zu einem wird die über 1000-jährige Geschichte des Christentums in Polen vorgestellt. Der Fokus wird dabei auf der Axiologie, also die Lehre von Werten, des ehemaligen polnischen Papstes Johannes Paul II. (1920–2005) liegen. Gleichzeitig wird im Museum die helfende Haltung von Polinnen und Polen gegenüber ihren jüdischen Mitbürger*innen im Verlauf des Zweiten Weltkrieges thematisiert. Laut des Kulturministers wird das Museum Lücken in dem gegenwärtigen musealen Angebots schließen. Doch was meint er eigentlich damit? Wird sich das Museum der Geschichte Polens etwa nicht mit der Entstehung des Christentums in Polen beschäftigen? Und ist noch nicht beharrlich genug medial und museal das polnische Heroismus von Polinnen und Polen bei der Rettung von Jüdinnen und Juden betont worden?

Inzwischen scheint es so, dass im Zweiten Weltkrieg alle Polinnen und Polen nur ihren jüdischen Mitmenschen am Helfen waren. Es ist nur seltsam, dass trotz dieser selbstlosen Hilfe so viele Jüdinnen und Juden starben. Jegliche Art von Teilnahme am Holocaust wird möglichst relativiert und inzwischen gesetzlich auch unter Strafe gesetzt. Im Museum für „Erinnerung und Identität“ werden diese Hilfeleistungen wohl ganz im Sinne einer christlichen Nächstenliebe gedeutet. Wird da überhaupt auf den Antisemitismus in Polen Bezug genommen? Wenn ja, dann wohl auf den historischen Antisemitismus. Schließlich hat das konservative Internetportal Niezalezna.pl festgestellt, dass Antisemitismus nicht mehr in Polen vorhanden sei. In ihrem Artikel »Antisemitismus? Sicherlich nicht in Polen. Wir haben aufsehenerregende Daten erhalten« (Antysemityzm? Na pewno nie w Polsce. Dotarliśmy do sensacyjnych danych) verweisen die Autor*innen auf nicht offizielle Daten, die die Absurdität des Vorwurfs von polnischem Antisemitismus bestätigen. Antisemitische Vorfälle in Deutschland, Großbritannien, Österreich und Niederlanden seien nämlich viel höher als in Polen. Aha.

Das Hauptthema des Museums wird aber die über 1000-jährige Geschichte des Christentums sein. Klar, inzwischen hat Polen ein Museum, das sich der 1000-jährigen Geschichte des Judentums im Land widmet. Da gilt es nachzuziehen. Es bleibt dabei spannend, wie die Beziehung zwischen dem Katholizismus und den anderen Religionen gezeigt wird. Zu einem ist da das schon erwähnte Judentum. Zum anderen aber auch der Protestantismus, Orthodoxie aber auch der Islam. Es ist anzunehmen, dass Polen als christliches Bollwerk gezeigt wird. Neue Perspektiven sind da eher kaum zu erwarten.

Ein wichtiges Thema wird die Person Papst Johannes Paul II. sein. Es gibt wohl keinen Ort mehr in Polen, der nicht zumindest eine Straße, einen Platz oder eine Schule nach ihm benannt hat. Er ist sozusagen ein Superstar sondergleichen. Einer, der gerne zitiert wird. Wer anhand von Exponaten sein Leben und Wirken kennenlernen möchte, der kann sein Elternhaus in Wadowice besuchen. Auch in Warschau ist ein Museum, das sich allerdings nicht nur ihm, sondern auch dem Leben von Erzbischof Stefan Wyszyński (1901–1981) widmet. Wenn also bedacht wird, welche Rolle er im kollektiven Gedächtnis des Landes einnimmt, ist es nachvollziehbar, wieso sich noch ein Museum mit seiner Person beschäftigen wird. Zum Einen spielen da religiöse Motive, zum Anderen nationale Beweggründe eine Rolle. Für viele hat er das Image des Landes im Ausland wesentlich verbessert. Gleichzeitig war er für seine Landsleute die »Personifizierung der Liebe, des Friedens, der Brüderlichkeit und der Treue.«* Seine Sakralisierung wird sicherlich das Bild des Menschen Karol Józef Wojtyła – so sein Name vor der Jobübernahme im Vatikan – verstellen. Es ist auch nicht anzunehmen, dass eine kritische Auseinandersetzung überhaupt erwünscht ist.

Das Museum „Erinnerung und Identität“ wird also zwar eine neue Institution sein, die jedoch nichts Neues bieten wird. Keine neuen Fragestellungen sind zu erwarten. Keine kritischen Perspektiven werden eingenommen, keine unbequeme Meinungen werden formuliert werden. Vielmehr wird es noch ein Museum sein, das eine aalglatte Darstellung der Vergangenheit bieten wird. Es gilt die Erinnerung und Identität von Polinnen und Polen zu stärken. Diese können keine kritische Fragen vertragen, oder doch?

(Christoph)

* Robert Żurek: Johannes Paul II. Das Revolutionäre des Sakralen. In: Hans Henning Hahn, Robert Traba (Hg.): Deutsch-Polnische Erinnerungsorte, Band 2: Geteilt/ Gemeinsam, Paderborn 2014, S. 179–197.

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