POLIN weiterhin ohne Leitung

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Seit Wochen ist die Leitungsposition im jüdischen Museum in Warschau (POLIN) unbesetzt. Das liegt am Kulturminister Polens Piotr Gliński, da eigentlich ihm bereits ein geeigneter Kandidat vorgeschlagen wurde. Es handelt sich dabei um Dariusz Stola, der schon zuvor Direktor in POLIN war.

Bereits im März hat ZDF darüber berichtet, dass der Vertrag von Dariusz Stola nicht verlängert wird. Seit dem wurde noch immer kein*e Nachfolger*in bestimmt. Dabei wurde inzwischen eine Wahl abgehalten. Dem Statut zufolge entscheiden die drei Gründer – das Kulturministerium, die Stadt Warschau und die Vereinigung Jüdisches Historisches Institut in Polen – über die Leitungsposition. Das Kulturministerium vertrat Jarosław Sellin, Staatsekretär im polnischen Kulturministerium.


Polen: Museumsdirektor geht.

Im Radio Maryja erklärte Piotr Gliński, warum die Bestätigung bis jetzt nicht erfolgt ist. Er hätte gerne eine internationale Konferenz zu Erinnerung an Lech Kaczyński in POLIN gehabt, Stola war aber dagegen. Der ehemalige POLIN-Direktor hätte laut Gliński dieses Ansinnen der Tochter von Kaczyński und einer Bewegung zur Erinnerung an den verunglückten Präsidenten abgeschlagen. Das gefällt dem Kulturminister nicht, da er die Meinung vertritt, dass das Museum irgendwie an Lech Kaczyński erinnern müsse. Schließlich hätte er sich für die Entstehung des Museums eingesetzt.

Dieser Aussage widerspricht das Museum. In einer veröffentlichten Stellungnahme verweist es darauf, dass die Konferenz nicht grundsätzlich abgelehnt wurde. Vielmehr wurde vorgeschlagen, dass weitere Kooperationsinstitute für diese Konferenz gewonnen werden. Auf diesen Vorschlag hat aber dann das Museum keine Antwort erhalten. Gleichzeitig wird in der Pressemeldung betont, dass Stola vielfach auf die Verdienste von Lech Kaczyński bei der Entstehung des Museums verwies.

Möglicherweise ist die internationale Konferenz ein Grund dafür, dass Stola noch immer nicht bestätigt wurde. Allerdings liegt die Anfrage für diese vier Jahre zurück. Gleichzeitig war der ehemalige Direktor den Konservativen recht unbequem. Er war schließlich unter anderem für die Ausstellung „Der Fremde im Haus“ verantwortlich, die überhaupt nicht in das Masternarrativ der polnischen Regierung passt. Das Thema der Ausstellung war die antisemitische Kampagne von 1968. Für viele hat sie eine wichtige Diskussion „über zentrale Fragen des polnischen historischen Gedächtnisses und der polnischen Identität ausgelöst“ (siehe Der März 1968 als polnisches Problem). Für andere war sie eher ein Ärgernis, da sie an dem gewünschten Selbstbild mehr als nur kratzte.

Die Folgen für das Museum sind nun gravierend. Viele Unterstützer*innen POLINs sind wegen der gegenwärtigen Situation besorgt. Aus diesem Grund wurde bereits eine Schenkung in Höhe von 600 Millionen Zloty gestoppt. Auch zwei weitere Schenkungen werden wohl nicht durchgeführt werden.

Siehe auch:

Muzeum POLIN wciąż bez dyrektora, Gliński zwleka, a darczyńcy wstrzymują dotacje. “Wielkie zaniepokojenie, zdziwienie i smutek”. In: tokfm.pl, 15.07.2019.
Hassel, Florian: Veto und Wahrheit. In: Süddeutsche Zeitung, 26.02.2019.                                                                               Kosiewski, Piotr: Der März 1968 als polnisches Problem. In: Dialog Forum 03/06/2018.
Polen: Museumsdirektor geht. In: ZDF, 06.03.2019 (Video verfügbar bis 06.03.2020).
Trudna sytuacja Muzeum POLIN. Gliński wyjaśnia, czemu jeszcze nie powołał dyrektora. In: onet, 16.07.2019.

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