Streit um Katyń-Denkmal in Jersey City

Eleanor Lang, Katyń Memorial (Jersey City), 2013

Ein Bürgermeister aus den USA fordert die polnische Erinnerungspolitik heraus. Steven Fulop, Bürgermeister von Jersey City im US-Bundesstaat New Jersey, lässt das Katyń-Denkmal vom Exchange Place in seiner Stadt entfernen.

Der momentane Ort des Katyń-Denkmals ist der Exchange Place in Jersey City. Der Platz wird aber zu einem Park umgestaltet, weswegen das Denkmal weichen muss. Das von dem polnisch-amerikanischen Bildhauer Andrzej Pitynski erschaffene Werk wurde im Juni 1991 enthüllt. Es erinnert an das 1940 stattgefundene Massaker von Katyń, das zu einer Reihe von Massenmorden mit über 20.000 Opfern zählt. Weitgehend waren es Berufs-oder Reserveoffiziere, eine Pilotin, Polizisten aber auch viele Intellektuelle Polens, die in den Wäldern bei Katyń auf Befehl von Stalin ermordet wurden. Natürlich waren unter den Opfern auch polnische Bürger jüdischen Glaubens dabei; ein Fakt, der allzu gerne vergessen wird. Es wird geschätzt, dass sie 6-7% der Opfer ausmachten.

Das Massaker von Katyń ist eine der wichtigsten Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis Polens. Bis 1989 war es ein offenes Geheimnis, das tabuisiert und verschleiert wurde. Doch im polnischen Exil wurde die Erinnerung an den Massenmord wach gehalten und die Sowjetunion der Täter*innenschaft offen beschuldigt. Ein erstes Gedenkkreuz ganz im Sinne einer katholisch-polnischen Interpretation wurde bereits in den 1950er-Jahren in der katholischen St. Adalbert Kirche in Detroit eingeweiht. 1964 wurde ein Denkmal in Manchester, 1975 in Stockholm, 1976 in Gunnersbury bei London und 1980 in Toronto eingeweiht. Sie entstanden alle im geschützten Raum der Kirche bzw. auf Privatgrundstücken. Gegen die Errichtung und Einweihung der Denkmäler protestierte stets die sowjetische Regierung.

Das Denkmal in Jersey City war das erste im öffentlichen Raum. Wie viele der Denkmäler zeigt es die Ermordung eines polnischen Soldaten, der von hinten erstochen wird. Für Mike DeMarco “[i]t’s a little gruesome. … I can’t imagine how many mothers go by and have to explain it to their children.” Er ist verantwortlich für die Umgestaltung des Platzes, um die Wasserfront von Jersey City für Sport- und Kulturaktivitäten zu erschließen. Das Denkmal passt dabei offenbar nicht ins Konzept. Das kritisierte der Senatsabgeordnete Stanisław Karczewski, der der Regierungspartei PiS angehört. Für ihn ist es eine skandalöse und unerfreuliche Situation. Seiner Meinung nach spricht das Denkmal von polnischem Heldentum und polnischen Helden sowie einem tragischen Ereignis. Die Kritik des polnischen Senatsmarschalls lässt sich der Bürgermeister Steven Fulop nicht gefallen. Für ihn ist Karczewski ein bekannter Antisemit, weswegen sein moralisches Getue lächerlich sei. In Jersey City entscheide er, da könne Polen gerne auch weitere Gesetze verabschieden. Seiner Meinung nach könne Geschichte nicht umgeschrieben werden.

Steven Fulop bezieht sich auf den Versuch der polnischen Regierung jegliche polnische Mitschuld am Holocaust zu unterdrücken. Diesbezüglich wurde in Polen ein „Holocaust-Gesetz“ verabschiedet, das verbietet, die polnische Nation der Verantwortung oder Mitverantwortung am Holocaust zu bezichtigen und von polnischen Vernichtungslagern zu sprechen. Das neue Gesetz sieht bis zu drei Jahre Gefängnis vor. Stanisław Karczewski hat dabei im Ausland lebende Polinnen und Polen ermuntert, anti-polnische Kommentare zu melden. Dabei haben inzwischen auch polnische Historiker*innen mehrmals nachgewiesen, dass Polinnen und Polen vielfach an der Ermordung von Jüdinnen und Juden beteiligt waren. Vielleicht ist diese Mitschuld in der Erinnerung der Familie Fulop noch lebhaft. Der Bürgermeister weigert sich jedenfalls mit polnischen Politiker*innen zu treffen. Trotz aller Proteste und heftigster Kritik aus Polen, für Fulop ist fix, dass das Denkmal nicht mehr am Exchange Place stehen wird.

(Christoph)

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