Im Patriarchat des Teddybären

Wohl schon vor einigen Jahren bin ich beim Surfen auf den Wellen des World Wide Webs auf den Text von Donna Haraway gestoßen: Teddy Bear Patriarchy. Taxidermy in the Garden of Eden, New York City, 1908–1936. Zu dieser Zeit habe ich mich gerade ein bisschen mit Naturkundemuseen beschäftigt. Einer Museumsgattung, die mich immer wieder v.a. durch die Darstellungen der Natur in Dioramen beeindruckt. Dioramen sind winzige Ausschnitte der Welt, die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zeigen. Selbstverständlich sind diese Abbildungen naturgetreu – so dachte ich. In ihrem Text zersägt Donna Haraway diese Selbstverständlichkeit jedoch am Beispiel der Dioramen im American Museum of Natural History in New York.

American Museum of Natural History, New York, gelaufen 1926, AKON/Österreichische Nationalbibliothek

Die Autorin ist Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin, die sich in ihren Publikationen immer wieder mit Klasse, Rasse und Gender beschäftigt. Diese werden von ihr in Frage gestellt und dekonstruiert. So auch im Text Teddy Bear Patriarchy. Taxidermy in the Garden of Eden. Als Leser*innen begleiten wir sie in die African Hall des Museums, deren Errichtung ein Traum des Tierpräparators, Jägers und Wissenschaftlers Carl Akaley (1864–1926) war. In seinem Buch In brightest Africa nennt er sie »the inspiration and the unifying purpose of my work; all my efforts during recent years have bent toward the accomplishment of this single objective«. Die afrikanische Halle war als eine Art dreidimensionale Biografie Afrikas geplant. Er sah sich als Zeuge eines Wandels, nämlich des Aussterbens einer Artenvielfalt, die den Kontinent beherrschte und nun zum Opfer der Menschen wurde. Gleichzeitig sprach er auch als Museumsreformer, da seiner Meinung nach die Halle mit ihren Dioramen neue Standards für Ausstellungen in der Zukunft etablieren würde.

Mr. Akeley and the Leopard he killed bar handed. Aus: Carl Akeley: In brightest Africa, New York 1923

Carl Akeley wollte die afrikanische Halle nach Theodore Roosevelt benennen, weil dieser die Schönheit Afrikas der Welt näher bringen wollte. Bereits in ihrem Titel verweist Haraway auf den 26. Präsidenten der USA. Dieser war ein passionierter Jäger und, überspitzt gesagt, ein Held der Männlichkeit, nach dem noch dazu der Teddybär benannt wurde. Seine Spuren sind im Museum nicht zu übersehen. Vielmehr kann man(n) dort in einer Badebrühe aus Slogans wie Jugend, Männlichkeit und Staat seit Jahrzehnten plantschen und träumen. Der heutige Mann als Besucher, mit seinen durch Fitness gestählten Armen, wird so zum Held der Savanne. Nur mit Hilfe seines Bizeps erwürgt er ein Zebra, um es dann über seinem Apple-Computer aufzuhängen. Damit wird er zum modernen Carl Akeley, der einen niederträchtigen Leopard mit seinen eigenen Händen erdrosselte.

Neben der Männlichkeit von Teddy (Spitzname von Roosevelt) können sich nur die löwenjagenden Nandi aus Kenia einigermaßen behaupten. Für Carl Akeley waren sie die einzigen wahren Männer auf einem Kontinent sonst voller Buben. Doch gerade diese Buben waren die Träger des Proviants sowie der Waffen. Und sie waren die wahren Kenner der Landschaft und ihrer verworrenen Wege. Sie haben die Abenteuer reicher New Yorker erleichtert, blieben dabei unsichtbar, weil kaum erwähnt. Die Objekte in der afrikanischen Halle sprechen also auch von dieser von Ungleichheit und Rassismus geprägten Beziehung. Sie sprechen ebenso von der Beziehung des Präparators Carl Akeley zu den Tieren, die er zwar bewunderte, aber auch für seine Dioramen tötete. Nur seine wissenschaftliche Berufung scheint ihn vor den Schuldgefühlen eines Mörders zu schützen.

Die African Hall wurde erst 10 Jahre nach dem Tod von Akeley eröffnet. Zwischen 1926 und 1936 haben 45 Männer an seiner Vision gearbeitet, eine im Verschwinden begriffene Natur zu dokumentieren. Neben Präparatoren haben viele weitere Berufsgruppen an der perfekten Darstellung der Szenen in den Dioramen mitgewirkt. Jede der Tiergruppen besteht dabei aus einem wachsamen männlichen und mütterlichen weiblichen Individuum sowie vielleicht einem bis zwei Jungtieren. Alte oder kranke Tiere sind nicht zu sehen. Jede dieser vitalen Gruppen ist wie ein Organismus in der Erzählung der Naturgeschichte. In jeder der Gruppe ist ein Individuum, das den Blick des Publikums bindet und eine Art spirituelle Beziehung mit ihm eingeht. Das Tier repräsentiert eine ewig andauernde Lebendigkeit, die die Besucher*innen erstarren lässt. Vielleicht lässt diese Erstarrung auch die in die Dioramen eingeschriebenen sozialen Hierarchien einer patriarchalen Gesellschaft übersehen, die hier reproduziert werden.

Fotografin Flora: Diorama von Carl Akeley, American Museum of Natural History, 2011

Obwohl der Artikel von Donna Haraway schon einige Jahre alt ist, bleibt er weiterhin spannend. Zum einen wegen der Biografie einer Person, die in ein Netz von Beziehungen eingebettet wird. Sie verweisen auf die Geschichte der diversen Objekte der African Hall im American Museum of Natural History, die sich so den Besucher*innen wohl nicht unbedingt erschließen. Von Haraway befragt sprechen sie von Klasse, Rassismus und Geschlechterrollen. Zum anderen lassen sie die Deutungshoheit des Museums erkennen, die im Naturkundemuseum besonders gut hinter dem Wahrheitsanspruch der Wissenschaft kaschiert wird.

Literatur:
Donna Haraway: Teddy Bear Patriarchy. Taxidermy in the Garden of Eden, New York City, 1908–1936. In: D. Haraway (Hg.): Primate Visions: Gender, Race, and Nature in the World of Modern Science, London 1989. Bereits zuvor erschien dieser Text auch in der Zeitschrift Social Text, Nr. 11 (Winter, 1984–1985), S. 20–64.

Carl Akeley: In brightest Africa, New York 1923.

(Christoph)

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