Ausstellung

W. Hanak-Lettner: »Die Ausstellung ist tatsächlich eine Bühne, alles in ihr ist, mit welchen Mitteln, Aufwand, Intensität auch immer – bewusst oder unbewusst – inszeniert. Sie ist eine Bühne, die von Kuratoren und Gestaltern just im Moment der Eröffnung der Ausstellung verlassen wird. Genau genommen haben die Ausstellungsmacher mithilfe von Objekten, Kunstwerken, Texten, Architektur, Grafik, Sichtachsen, Lichtsetzung etc. einen Raum in Szene gesetzt, ihn für die Besucher vorbereitet und ihn daraufhin zurückgelassen. Das Verlassen des Raumes hat die Position des Ausstellungsmachers jedoch nicht geschwächt: einen Raum zu bespielen, in dem nichts verändert werden darf, ist eine mächtige Position. Insbesondere wenn man über Stellvertreter (Aufseher, Guards, Serviceteam) verfügt, die peinlichst genau auf die Einhaltung der Regeln achten, die unter anderem besagen, dass keine Texte geändert und die ausgestellten Dinge nicht angefasst werden dürfen.
Haben die Kuratoren die Bühne zu Beginn der Ausstellung bereits verlassen, so haben die Besucher den sinnbildlichen Zuschauerraum hinter sich gelassen. Sie unterscheiden sich darin fundamental von ihren Kulturrezipienten-Kollegen, den Theater- und Kinozuschauern sowie den Konzerthörern, die weiterhin in den ihnen zugewiesenen, statischen Sitzmöbeln verharren. Die Besucher nehmen sich die Zeit etwas aus dem ihnen zur Verfügung gestellten Raum zu machen. Für das Verständnis des Systems Ausstellung ist folgende Erkenntnis existenziell: ‚Time is on the visitor‘s side not on the curator’s.‘ Besucher tragen nicht nur die Kategorie Zeit zum System Ausstellung bei, sondern behalten auch über weite Strecken des Ausstellungsbesuchs die Kontrolle über ihr eigenes Zeitmanagement.«

Werner Hanak-Lettner: Der einsame Zuschauer auf der Bühne. Die verwirrende Verwandtschaft zwischen Theater und Ausstellung. In: Sibylle Lichtensteiger, Aline Minder, Detlef Vögeli (Hg.): Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis. Bielefeld 2014, S. 30–40, S. 37.