Ausstellung

Eine Ausstellung ist eine Erzählung, die sich in Zeit und Raum entfaltet. Als Medium unterscheidet sich die Ausstellung insofern von allen anderen narrativen Formen, als dass der Zuschauer sich hier physisch fortbewegt. Bei der Lektüre eines Buchs, bei einer Kinovorstellung oder einer Theateraufführung sitzt das Publikum meistens regungslos auf einem Stuhl. Die physische Interaktion ist minimal, alles ist auf eine mentale Interaktion ausgerichtet. In einer Ausstellung hingegen können sich die Besucher frei durch den Raum bewegen. Die Strecke kann linear sein, wobei das Publikum einer vorgegeben Route mit einem deutlich gekennzeichneten Anfangs- und Endpunkt folgt. Oder sie kann labyrinthisch verlaufen, sodass man ohne fest umrissenes Ziel umherschweifen kann. Es sind zahllose Durchquerungen des Raums möglich, die jeweils eine eigene Auslegung der Ausstellung zulassen. Die Besucher können die Strecke schnell oder langsam zurücklegen, aufmerksam oder hastig, oder – sehr zielstrebig – ihre eigenen Interessen verfolgen und dabei das eine Objekt auslassen und beim anderen anhalten, um es besser auf sich wirken zu lassen. Man kann hochschauen oder sich bücken und Details entdecken, die anderen möglicherweise entgehen. Der Rundgang fungiert dabei als die Schnur einer Kette, die die einzelnen Szenen der Erzählung wie Perlen aneinanderreiht. In einer Ausstellung ist eine Vielzahl von narrativen Ketten denkbar. Das Bild der Perlenkette veranschaulicht, dass es bei einer Ausstellung um mehr geht, als nur um die ausgestellten Gegenstände. Eine Kette suggeriert Zusammenhang und betont die Beziehungen zwischen den Dingen. Als solcher stellt der Rundgang auch die Verbindung zwischen dem Ausstellungsmacher, das heißt dem Erzähler, und dem Publikum dar.

Herman Kossmann: Narrative Räume. Der Werkzeugkasten der Szenografie. In: Sibylle Lichtensteiger, Aline Minder, Detlef Vögeli (Hg.): Dramaturgie in der Ausstellung. Begriffe und Konzepte für die Praxis. Bielefeld 2014, S. 50–66, S. 51.