Geschichtspolitik und Erinnerungskultur

E. Wolfrum: »Erinnerungskultur und Geschichtspolitik lassen sich prinzipiell als Überzeugungsstrategien skizzieren, denen dynamische Dimensionen innewohnen. Besonders in Konfliktsituationen wird Geschichte als Machtinstrument oder als Waffe eingesetzt. Das kulturelle Land- und Kurzzeitgedächtnis eignet sich dazu, instrumentalisiert und umgebogen zu werden. Aus der überzeugenden Geschichte ergibt sich somit eine Überzeugung durch Geschichte. Bei der Frage nach Realitäts- und Geschichtskonstruktion müssen – generalisierend gesehen – mehrere dynamische Dimensionen betrachtet werden. Zum einen die kommunikative Dynamik: Versuche von Überzeugungen vollziehen sich immer in einer komplexen kommunikativen Situation. Zum zweiten die soziokulturelle Dynamik: Stets wirken gesellschaftliche und kulturspezifische Bedingungen auf Überzeugungsstrategien ein, etwa in Form von Parteien, Gruppen oder Individuen. Zum dritten die geschichtliche Dynamik: Kommunikation ist immer ein Resultat historischer Erfahrungen: Und schließlich zum vierten die mediale Dynamik: Da Medien unterschiedliche Wirkungen entfalten, muss bedacht werden, welche Medien zum Einsatz kommen.«

Edgar Wolfrum: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik als Forschungsfelder. Konzepte – Methoden – Themen. In: Jan Scheunemann (Hg.): Reformation und Bauernkrieg. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland, Leipzig 2010 S. 13–47, S. 26–27.