Historische Ausstellungen

Rosmarie Beier de Haan: »Wenn man an dieser Stelle einen Rückbezug zum Schlüsselbegriff ›moralische Anstalt‹ unternimmt, dann lässt sich sagen, dass historische Ausstellungen heute Themen bearbeiten, die in die Gegenwart hineinragen, die aus der Gegenwart entnommen sind. Themen, denen Besucher häufig mit Halbwissen und Vorurteilen begegnen, Themen, die – um ein Diktum Walter Benjamins aufzugreifen – das ›Unzeitige, Leidvolle, Verfehlte‹ in sich tragen – kurzum, Themen, die nicht unberührt lassen. Bezieht man ein, dass Museen die »Voraussetzungen für die Wertschätzung, das Verständnis und die Förderung« von kulturellem Erbe schaffen sollen – wie es die internationalen Museumsstandards definieren –, so erfährt dieses kulturelle Erbe hier eine Umdeutung bzw. eine Neuschöpfung, denn kulturelles Erbe besteht ja per se nicht vor dem Beginn dieses Herstellungsprozesses. Diese Umdeutung kann dem, was man den Heritage-making process der Museen nennt, eine neue, zukunftsfähige Richtung geben. Und das, was solcherart im performativen Raum einer ›Ausstellung‹ in Gang gesetzt wird, das hat eine ethische Dimension, das verbinde ich mit dem Stichwort ›moralische Anstalt‹. Der Ausstellungsraum ist nicht einfach nur ein Raum, sondern er ist eine Schnittstelle zwischen Ausstellungsmachern und Besuchern. Diese Schnittstelle ist nicht neutral; vielmehr bedeutet Ausstellen das Herstellen von Bedeutungen, in diesen Fällen von neuen Bedeutungen, zeigen doch Ausstellungen nicht die Vergangenheit an sich, sondern immer eine mögliche Form der Interpretation der Vergangenheit. Das Gezeigte ist damit Teil eines stetigen Darstellungs- und Wandlungsprozesses, der niemals vollständig und endgültig abgeschlossen ist.«

Rosmarie Beier de Haan: Vielfalt–Gleichheit–Individualität. Das Museum als eine »moralische Anstalt«. In: Bernadette Collenberg-Plotnikov (Hg.): Das Museum als Provokation der Philosophie. Beiträge zu einer aktuellen Debatte, Bielefeld 2018, S. 127–152, S. 140–141.