Identität

R. Muttenthaler, R. Wonisch: »Museen huldigen mehr noch als andere Institutionen als Orte des Imaginären dem Anspruch, Orte der Ähnlichkeiten zu sein, wo das »Gleiche«, das »Ganze«, »das Ganze in einem Einzigen« die grundlegenden Kategorien darstellen und die »Ichs« sich in einem überhöhten »Wir« zusammenfinden. Die Ordnung entsteht nach einem narzißtischen System des Spiegelbildlichen, in welchem sich jeder in einem seines Andersseins enthobenen Anderen wiederzuerkennen glaubt.
Auf diese Weise stützen Museen als symbolisch aufgeladene Orte die Fiktion universeller Identitäten. Dabei wird verschleiert, daß sie auf gesellschaftlichen Hierarchien, sozialen und ethnischen Distinktionen gründen. Diese Differenzierungen entlang der Kategorie gender, race und class sind für die Art und Weise zentral, wie Museen ihr Selbstverständnis begründen, ihre Räume, Sammlungen und Ausstellungen organisieren, um Bedeutungen zu konstruieren, ohne daß diese jedoch mitreflektiert und als solche ausgewiesen werden. So haben die Präsentationen des Museums gerade dort, wo diese Annahmen in den Erzählungen und Bildern nicht das Argument der Inszenierung sind, sondern unwillkürlich produziert werden, Anteil an den kollektiven Produktionen von Geschichtsmythen. Ein Effekt musealer Präsentationen besteht somit paradoxerweise in der »Natürlichmachung« von Differenzierungen und damit ihre Entkleidung von Gesellschaft und Geschichte.«

Roswitha Muttenthaler, Regina Wonisch: Oberfläche und Subtext. Zum Projekt »Spots on Spaces«. In: Roswitha Muttenthaler, Herbert Posch, Eva S. Sturm (Hg.): Seiteneingänge. Museumsidee & Ausstellungsweisen. Museum zum Quadrat Nr. 11, S. 77–113, S. 77.