Musealisierung

G. Fliedl: »Im Prozeß der Musealisierung verlieren Objekte traditionelle Gebrauchs- und Symbolisierungsweisen, z.B. ihre kultisch-religiöse oder ihre repräsentativ-politische Funktion. Im Museum zu ‘historischen Objekten’ geworden, zu Dokumenten, zur ‘Inkorporation von Lebensspuren‘ (Gottfried Korff), werden sie in dem Maß ‘unverständlich’, fremd und damit interpretationsbedürftig, in dem sie ursprüngliche Funktionen und Bedeutungen abgestreift haben. In der diskursiven Sphäre bürgerlicher Öffentlichkeit – die Zugänglichkeit von Sammlungen für jedermann ist eine Errungenschaft von Revolution und Aufklärung und setzt sich zu Ende des 18. Jahrhunderts langsam allgemein durch – sollte sich ein neuer Umgang mit und ein neues Verstehen der Überlieferung zwanglos und herrschaftsfrei wiederherstellen: Bildung in materieller und ideeller Hinsicht, Humanisierung, aber auch dem materiallen Fortschritt dienliche Utilität. Der traditionelle Umgang mit Objekten, indem Gebrauch und Bedeutung oft über einen langen Zeitraum hinweg stabil festgelegt waren, wird durch einen neuen Bewertungszusammenhang ersetzt. An die Stelle von Tradition und Traditionssbewußtsein. Tritt ‚historisches Bewußtsein‘. Das Museum, das den Gegenständen deren Gebrauchs- und Bedeutungszusammenhänge nimmt, bricht somit selbst mit Tradition und Traditionsbewußtsein. „Im Museum sind Sachen, die man nicht mehr gebrauchen kann. Sie machten einst die Welt aus, in der man sich vorfand und fraglos lebte; was so aus täglichem Umgang selbstverständlich vertraut war, wurde dann von den veränderten Bedürfnissen und den industriellen Waren, die jene sowohl befriedigten als erregten, verdrängt und zum Fremdkörper gemacht, der im Zusammenhang des gegenwärtigen Lebens störte.“«

Gottfried Fliedl: Testamentkultur: Musealisierung und Kompensation. In: Wolfgang Zacharias (Hg.): Zeitphäomen Musealisierung. Das Verschwinden der Gegenwart und die Konstrukion der Erinnerung, Essen 1990, S. 166–179, S. 171–172.