Original

G. Boehm: »Das Original – so die These – kennzeichnet ein spezifisches Verhältnis zur Zeit, das durch ein Vermögen realisiert wird, das man anthropologisch nennen kann. Sich nämlich der bloßen Abfolge der Sekunden, Minuten und Stunden – der Ordnung des Ziffernblattes – nicht einfach auszuliefern, sie vielmehr zu durchbrechen. Und dies durch die Fähigkeit immer wieder ab ovo anzufangen. Dafür wird – wie wir zeigen wollen – die Regie des dichten Augenblicks, seine materielle Verkörperung als Original, wichtig werden. So sehr sich Menschen ihrer Endlichkeit ausgeliefert finden: Sie sind Wesen, die vornehmlich gestaltend, aber auch denkend und handelnd, einen Anfang zu setzen vermögen. Ein Anfang, der auch sein Ende bedenkt, beide zu einem Kreis zusammen schließt und so zum Ursprung neuer Erfahrungen wird. Gerade weil diese Art von Setzungen möglich sind, gibt es immer wieder Neues, d. h. solches das ohne Vorbild ist, das nichts nachmacht, sondern vorgibt, zum Exempel wird. Es erweist sich dem Vergehen der Zeit nicht ausgesetzt, sondern ist Herr über einen Kairos – solange jedenfalls als dieses Original nachlebt und nachwirkt.«

Gottfried Boehm: Augenblicksgötter. Das Original: Ein Anfang. In: Deutsches Literaturarchiv Marbach (Hg.): Der Wert des Originals, Marbach am Neckar 2014, S. 10–22, S. 12.