Original

H. Gfrereis, U. Raulff: »Das Original – und nicht nur das ästhetische Unikat – ist mehr als seine austauschbaren, erforschbaren und vermittelbaren Teile. Es ist mehr als sein Bild, mehr als sein Material und mehr als seine Deutung und Bedeutung, mehr als sein kulturhistorischer, politischer und finanzieller Wert. Es ist das alles zusammen und noch ein wenig mehr. Es definiert Orte und Institutionen – ohne Originale keine Museen und Archive, keine Reisen zur Kunst und keine Wege durchs Hinterland.
Das Original bringt uns dazu, bestimmte Plätze aufzusuchen und absolute Adjektive zu finden: echt, rein, wahr, einzigartig. Magisch und auratisch, ursprünglich, ein Stück aus einer anderen Welt. Auch Repliken können einem Ort seine Bedeutung verleihen: Im Mittelpunkt des Jerusalemer »Schrein des Buches« steht eine Nachbildung der Jesajarolle, jenes ältesten vollständigen Manuskripts eines Buchs der Bibel, das man in den Qumran-Höhlen am Toten Meer gefunden hat. Das Original ist weder der Gegensatz zur Reproduktion noch zur Fälschung. Beides sind Formen seiner Überlieferung und Erscheinung, Stellvertreter seiner Funktionen, Verstärker seiner Macht.«

Heike Gfrereis, Ulrich Raulff: Vorwort. In: Deutsches Literaturarchiv Marbach (Hg.): Der Wert des Originals, Marbach am Neckar 2014, S. 5–8, S. 6.