Sammeln

M. Fehr: »Das Sammeln geht, darin der künstlerischen und naturwissenschaftlichen Arbeit vergleichbar, vom Konkreten, vom Einzelnen und Besonderen aus und lässt sich in verschiedene Einzeloperationen differenzieren. Deren notwendige Voraussetzung ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit als eine Ansammlung von Dingen, die sich voneinander unterscheiden und separieren lassen. Ihr folgt als nächste Operation deren Selektion, bei der Merkmale, die für bestimmte Dinge identisch erscheinen, wahrgenommen oder ihnen solche aufgrund eines bestimmten Verfahrens zugewiesen werden. Dieser Ausleseprozess, also das Erkennen von möglichen Gemeinsamkeiten oder Verwandtschaften, wird mit einer weiteren Operation, der De-Kontextualisierung der entsprechenden Gegenstände zunächst konzeptionell und schließlich durch ihr physisches Herausnehmen aus ihrer Umwelt vollzogen. Die Formen dieser Aneignung der Wirklichkeit sind bekannt: sie reichen vom Auflesen und Finden über das buchstäbliche Aufspießen und den käuflichen Erwerb bis zum Raub und sind fast immer ein Akt zumindest symbolischer Gewalt. Die auf diese oder jene Weise zusammengestellten Sammlungen unterscheiden sich von der Wirklichkeit durch einen willkürlich gesetzten, inneren Zusammenhang, der, in dem Maße, wie er als Erkenntnisinteresse reflektiert wird, wissenschaftlichen Charakter annehmen kann.«

Michael Fehr: Zur Theorie des Historischen Museums, S. 1–9, S. 2. In: http://www.farbmalerei.org/Texte/Fehr_Theorie_Museum.pdf. Auch in Barbara Christoph, Günter Dippold (Hg.): Geschichte im Museum. Objekte und Konstrukte, Bayreuth 2012, S. 63-80.