Die Walhalla des Basketballs. Die Naismith Hall of Fame in Springfield (Massachusetts)

Fotograf rizha ubal, Naismith Memorial Basketball Hall of Fame, 2010

In der NBA sind gerade die Playoffs. Nur noch wenige Spiele und die Meisterschaft in der bekanntesten Basketballliga ist entschieden. Ein Grund für Museumsdinge sich der Naismith Memorial Basketball Hall of Fame zu widmen.

Die Naismith Memorial Basketball Hall of Fame ist wohl eine Art der Walhalla des Basketballs. Hier werden mit Objekten die Heldengeschichten des Basketballs erzählt. Da die Frauenbasketballliga WNBA zu der National Basketball Association (NBA) gehört, wird inzwischen auch das hohe Lied auf die Heldinnen des Sports gesungen. Nicht jeder und jede wird in diesem an Sportrelikten überfüllten Mausoleum verewigt. Nur die Besten des Basketballs werden ausgewählt, um das Feuer der Nostalgie der Fans zu nähren. Die für das gegenwärtig laufende Halbfinale qualifizierten Topspieler der NBA werden zukünftig wohl schon allein wegen ihren Spitznamen, besser Künstlernamen, in die Hall of Fame aufgenommen werden. Schließlich hat sich bereits ein „König“ qualifiziert. Neben LeBron James, genannt „King“, spielen weitere Sportgrößen wie “Baby-Faced Assassin” (Stephen Curry), „The Beard“ (James Harden) und „CP3“ (Chris Paul) um den Sieg und um die damit unweigerlich verbundene Aufnahme in die Walhalla des Basketballs.

Fotograf randomduck, James Naismith statue at Basketball Hall of Fame and Museum in Springfield, 2008

Sportheldinnen und Sporthelden sind Aufmerksamkeitsgarant*innen. Während ihrer Karrieren locken sie durch ihre übernatürlichen Leistungen in die Stadien und Hallen Scharen von Zuschauer*innen. Nach Beendigung ihrer glorreichen Taten auf dem Spielfeld ziehen sie ihre ehemaligen Fans in Sportmuseen und Hall of Fames. Die letzteren sind für Gregory Ramshaw und Sean Gammon noch feierlicher und nostalgischer als Sportmuseen, auch wenn die Grenzen fließend sind. Beide sind aber stark an den Tourismus gekoppelt, der die Spieler*innen als Marken für ihre Zwecke nutzt und so auch die ödesten Orte belebt. Natürlich gilt das nicht für Springfield in Massachusetts mit seinen ca. 155.000 Einwohner*innen. Hier wurde schließlich am 21.Dezember 1891 das erste Mal Basketball gespielt. Erfinder war der kanadische Arzt und Pädagoge James Naismith.

Damit aber auch hier keiner die Basketball Hall of Fame verpasst, ist sie direkt an der 467.24 km langen Interstate 91 gebaut. In der Nacht hilft ein auf einem Turm befestigter überdimensionaler und leuchtender Basketball bei der Orientierung. Die Fans von „Der Herr der Ringe“ könnten unter Umständen eine Parallele zu der Festung „Barad-dûr“ mit seinem Turm erblicken, von dem bekannt ist, dass die Spitze mit einer drehbaren, eisernen Kuppel gekrönt war, in der sich das Fenster des Auges befand. Der Autor bezieht die Information zum Turm aus der bekannten Trilogie von einer Fanpage, die er unverfroren plagiiert. Das Zentrum der im September 2002 eröffneten Architektur der Hall of Fame bildet allerdings eine runde Konstruktion. Wohl auch in diesem Fall eine Orientierung an einem Basketball. Diese erinnert in der Nacht wiederum ein bisschen an den Kopf aus dem Horrorfilm „Hellraiser“, was wohl eher ein Zufall als Absicht ist. Vielleicht ist aber auch diese Assoziationskette eher individuell und der Fantasie des Autors geschuldet.

Nun gehen wir aber hinein und sehen uns in der Halle um. Da ich diese noch nie leiblich betreten habe, schmuggle ich mich Mithilfe der Youtube-Familie „The Dodges“ hinein.

Bereits vor dem Eingang verweist der Familienvater auf eine den Erfinder des Basketballs darstellende Skulptur und das „coole“ Gebäude. Die Eingangssituation erinnert aber eher an die Fassade eines mit Schriftzügen von Restaurants und Geschäften übersäten Shoppingcenters. Die erste Schwierigkeit ist also, den von der „Florence Bank“, „Max’s Tavern“, „Plan B Burger Bar“ und „Cold Stone Creamary“ umrahmten Haupteingang zu finden. „The Dodges“ schaffen es, also finden wir uns bald in der Eingangshalle mit einem Fliesenboden im Schachbrettmuster. Der erste Hingucker ist der Fußabdruck von Michael Jordan, der zum Fußgrößenvergleich einlädt – sozusagen eine erste Feet-On-Station.

Mit dem Fahrstuhl werden die Gäste auf die dritte Etage gebracht, von der aus ein darunterliegendes Basketballfeld zu überblicken ist. Wir befinden uns direkt im Rundbau, quasi im Kopf des „Hellraisers“. Die räumliche Gliederung wird bereits auf dem Weg zu den eigentlichen Ausstellungsräumen von einer männlichen Stimme aus den Fahrstuhllautsprechern vorgestellt. Wie in einer Werbung wird vor dem Aussteigen in „The Honors Ring“ empfohlen: „Enjoy this walk through basketball history, you’ll never forget!“ „The Honors Ring“ ist das Herzstück der Hall of Fame. Hier finden sich vierreihig geordnete Porträts all der Personen, die bei der Popularisierung des Basketballs entscheidend waren. Sie blicken auf die unter ihnen im Erdgeschoss Basketball spielenden Besucher*innen. Unter den Porträts finden sich Informationen zu den Spieler*innen, Trainer*innen, Schiedsrichter*innen etc., die chronologisch geordnet sind. Garniert werden diese durch historische Artefakte aus dem Sport: Basketbälle, Pokale, Sportshirts und Basketballschuhe, also Sportartikel, für die Sammler*innen heute tausende von Dollars bereit zu zahlen sind.

Das zweite Stockwerk ist der Entwicklungsgeschichte des Sports gewidmet. Natürlich geht eine Vitrine auf den Erfinder des Sports ein. Noch mehr Fotos, Sportbekleidung und Basketbälle früherer Teams und Spieler*innen werden gezeigt. Ob auch kritische Fragen gestellt werden, ist nicht zu erkennen. „The Dodges“ interessieren sich für diese jedenfalls nicht. Erstaunen ruft der Schuh von Michael Jordan hervor. Ein Zitat des ausgewachsenen männlichen Mitglieds der Familie: „Oh, Jordan’s shoe, it’s so cool!“ Begeisterung ruft auch der Reebok-Schuh „The Pump“ – „That’ s awesome!“ – und das Trikot von Larry Bird hervor. Die gezeigten Dinge lassen die nostalgischen Gefühle der Erinnerung aufleben, wo der Traum von eigener Basketballkarriere noch wach und das Prekariat des Kultursektors unbekannt war – so zumindest für den Autor des Textes. Die hier versammelten Objekte sind Logos ganz im Sinne von Naomi Klein, die Träume durch das Anziehen des Schuhs oder des Trikots für einen kurzen Moment greifbar machen. In der Hall of Fame sind also nicht nur materielle Dinge zu sehen, die musealisiert wurden, sondern auch Vorstellungen von Basketballkarrieren aus der eigenen Kindheit und Jugend, die nostalgische Gefühle und Erinnerungen speisen. Wer Ansätze des neuen Materialismus und der Aufklärung über den Produktionskontext der hier gezeigten Artikel unter schwierigsten Bedingungen zu finden sucht, ist hier falsch am Platz. Er oder sie kann seinen oder ihren Frust über die geplatzten Träume und unbeantworteten Fragen auf einem virtuellen Feld im Raum „Virtual Hoops“ abreagieren.

Für Ablenkung sorgt auch der „Wingspan“, also die Armweite eines 2.08m großen Kevin Durant, die zum Vergleich einlädt. Weitere Hands-On-Stationen ermöglichen das Messen der eigenen Hand und die Höhe des eigenen Standsprungs. Eine Entspannung ist in den „Skybox Suits“ möglich, von denen das bereits erwähnte Basketballfeld im Erdgeschoss überblickt werden kann. Nach der Erholung können weitere Ausstellungsräume mit den Spieler*innenbiografien besichtigt werden, die in ihrer Gestaltung sich an Umzugskabinen in Sporthallen orientieren. Hier finden sich persönliche Gegenstände von Spieler*innen, die als Teil der Celebrity-Kultur selbst zu Marken wurden. Sean Gammon sieht diese Heldinnen und Helden des Sports sogar als immaterielles Erbe an. Auch durch das Älterwerden verlieren sie nicht an Attraktivität, sondern gewinnen eine spezielle Patina. Als lebendiges Erbe motivieren sie Fans, weite Reisen in Kauf zu nehmen, sind also auch nach ihren Spieler*innenkarrieren weiterhin touristische Attraktionen.

Nach dem Besuch in den Ausstellungsräumen lädt das Basketballfeld im Erdgeschoss ein, ein paar Körbe zu werfen. Die Familie „The Dodges“ nehmen die Gelegenheit natürlich wahr. In unterschiedlichen Höhen hängende Basketballkörbe ermöglichen auch das Dunken den nicht mit einer göttlichen Sprungkraft oder mit einem entsprechend großen Körper ausgestatteten Personen. Hier endet der Besuch, bei dem, wie der Familienvater von „The Dodges“ zusammenfasst, viele der Personen gesehen wurden, die in den letzten Jahren nicht mehr medial präsent waren und trotzdem nicht vergessen wurden. Das war alles für ihn „really cool“. „Cool“ und empfehlenswert ist die Naismith Hall of Fame für ihn, da sie auch etwas für die Kinder zu bieten hat. Und natürlich kann der Trip in die Hall of Fame nicht ohne einem Besuch im Restaurant „Cold Stone Creamary“ enden. Die letzten zwei Minuten des Films sind also in der Eisdiele gedreht. Hat sie etwa den Besuch in der Hall of Fame finanziert? Gerne würde ich mir auch so eine Reise sponsern lassen, zu einem um meinen eigenen nostalgischen Gefühlen als Basketballfan nachzugehen, aber auch, um mit eigenen Augen diese besondere Art des Museums zu sehen. Mögliche Sponsoren und Sponsorinnen können somit gerne diesen Beitrag kommentieren.

(Christoph)

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