Magasinet. Ethnografisches Museum Stockholm

Fotograf Christoph, Magasinet, 2018

Ethnographische Museen tun sich schwer. Die Dinge in ihrem Besitz faszinieren zwar, sind jedoch häufig Raubgut aus kolonialer Zeit. Was ist mit ihnen zu tun? Wie sollen sie ausgestellt werden? Hier ein Blick in das Ethnografische Museum Stockholm, das ich im Mai dieses Jahres besucht habe. Eine gelungene museologische Lektion?

Bereits einige schwedische Museen wurden von mir beschrieben. Diejenigen, die ich besucht habe, zeichneten sich damit aus, dass sie ihre museologische Reflexionen auch den Besucher*innen offenlegten. So war es auch im Ethnografischen Museum Stockholm. Schon längere Zeit plane ich es vorzustellen, nehme jetzt aber die Gelegenheit wirklich wahr. Einige Medienberichte regen zum Schreiben an. Heute habe ich im Radio von der Eröffnung des Königlichen Museums für Zentral-Afrika in Belgien gehört. Vor wenigen Tagen wurde wiederum vom Plan der französischen Regierung geschrieben und gesprochen, geraubte Werke aus der Kolonialzeit zurückzugeben. Das wird wohl auch französische ethnografische Sammlungen und Museen betreffen. Laut des Standards befinden sich allein im Pariser Musee Quai Branly mehr als 70.000 Objekte aus dem südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas.

Nun aber nach Stockholm, wo die Ausstellung »Magasinet – en etnografisk skattkammare« zum Besuch lädt. Die englische Übersetzung lautet »The storage – an ethnographic treasury«. Okay, es geht hier um eine ethnografische Schatzkammer, was durchaus aus dem schwedischen noch recht ableitbar ist. Ansonsten bin ich recht froh über die englischen Übersetzungen, die mir helfen die Ausstellung zu erschließen.

In der Sammlung des Museums sind fast eine Million Fotografien und über einhunderttausend Objekte. Sie sprechen von Reiseerinnerungen, Beziehungen und Begegnungen sowie Machtstrukturen. Mehr verrät der Museumstext noch nicht. Ich bin jedenfalls nicht sicher, ob ich das folgende Zitat gleich in der Nähe fotografiert habe. Wenn ja, dann werden die Besucher*innen indirekt eingeladen, mithilfe ihrer Phantasien die Antwort zu suchen.

»In the dark corridors between the archive cabinets in the Museum cellar I try to remember cumulus clouds on a blue sky, the sound of a cowbell, running water in irrigation channels, the creaking noises of insects and the shimmering metallic colors of small birds. The light, voices, laughter.« Wille Östberg, Anthropoligist

Fotograf, Christoph, Gang durch die Ausstellung, 2018

Nun wird die Musealisierung, also die Arbeit hinter der Museumsbühne thematisiert. Jedes ins Museum übernommene Objekt wird mit einer individuellen Nummer versehen. Es erhält eine neue Identität und zwar für die Ewigkeit – wohl zumindest solange das Museum aus politisch-ökonomischen Gründen nicht zum Opfer von Sparplänen oder die Sammlung wegen ihrer Größe zum Abstoß von Objekten gezwungen wird.

Das Alphabet bietet den Leitfaden durch die Ausstellung. Unter »B« finde ich den Verweis auf Forschungsreisen und die Arten und Weisen wie die Objekte ins Museum gekommen sind. Sie gingen dabei durch viele Hände, bis sie Stockholm erreichten. Einige wurden gekauft, manche waren Geschenke und andere wurden geraubt. Sie kamen mit Missionaren wie Lars Erik Högberg (1858–1924) in den hohen Norden, die ausschwärmten, um zu missionieren. Sie sammelten materielle Zeugnisse von Kulturen, die in einem Moment des Verschwindens waren. Das erfahre ich unter dem Buchstaben »D«. Doch in wie weit haben diese Missionaren zu diesem Verschwinden beigetragen? Ich will Herrn Högberg nicht zu nahe treten, ich kenne ihn nicht. Ob irgendwas dazu im Museum stand, kann ich jetzt nicht mehr nachvollziehen, ich habe es jedenfalls nicht fotografiert.

Unter »G« lerne ich, dass nicht mehr Herkunft, Zeit oder Kontext für die Klassifizierung entscheidend sind. Die Klassifizierung nach Material erleichtert die Bewahrung für die Zukunft. Das kann wiederum zu neuen Begegnungen führen und ein japanischer Abakus lernt einen »chocolate whisk« aus Mexiko kennen – nun komme ich beim Übersetzen zum Schwitzen: chocolate whisk, ein Schneebesen für Schokolade? Mein Küchenenglisch kommt an seine Grenzen. Auf jeden Fall ist damit ein Werkzeug zum Rühren von Schokolade gemeint.

Fotograf Christoph, Ausstellungstext, 2018

Switchen wir zum »P« weiter, damit der Blogartikel für die Kurzweiligen nicht zu lang wird. Unter diesem Buchstaben erfahren wir, dass das Museum die meisten Objekte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erhalten hat. Sie reflektieren auch die damalige Sicht über Kultur und Gesellschaft. Einige der Objekte wurden als unverständlich und manchmal sogar als beängstigend wahrgenommen. Ermutigend ist, dass diese Objekte heute in einem anderen Licht gesehen werden. Nur wie, das frage ich mich. Kommt das beim Publikum an? Werden diese neuen Perspektiven auch von den Besucher*innen erkannt? Ich weiß es nicht.

Natürlich herrscht auch im Ethnografische Museum Stockholm Stille. Wir haben Glück oder Pech, je nach Blickwinkel, aber es befindet sich gerade keine Schulklasse im Raum. Unter dem Buchstaben »T« sind mit einer Frage konfrontiert, die sich eben auf die Stille bzw. die Musik, Töne und Bewegung bezieht. »Is it possible to perceive the sounds and the live motion in objects no longer in use?« Beim Schreiben des Textes stellt sich mir eine Gegenfrage: Wieso werden diese Dinge nicht mehr genutzt? Die Antwort ist scheinbar leicht: weil sie musealisiert sind und damit aus dem Kreislauf der Nutzung entnommen wurden. Nun ist aber so, dass einige Museen den Zugang zu den Objekte für rituelle Zwecke zulassen. Diese Dinge können von ihren Herkunfts- und Religionsgemeinden genutzt werden, natürlich nur temporär und wandern danach in die Vitrine oder ins Depot zurück. Wie ist das in Stockholm? Wird hier am imaginierten Wahrnehmen festgehalten oder ist es möglich die Dinge auch Mal in Action zu sehen? Vielleicht recherchiere ich das irgendwann.

Fotograf Christoph, Magasinet, 2018

Der Gang durch die Dauerausstellung »Magasinet – en etnografisk skattkammare« war jedenfalls eine museologische Lektion. Ich weiß gar nicht mehr, ob mir gleich beim Besuch einige Fragen eingefallen sind. Ich bin mir aber sicher, dass ich danach direkt ins Museumsrestaurant gegangen bin und das asiatische Menü genossen habe. Wer also nicht wirklich an museologischen Lektionen interessiert ist, der kann gleich ins Museumsrestaurant gehen. Aber ich empfehle auf jeden Fall auch die Ausstellung zu besuchen. Währenddessen oder danach fallen einem sicherlich einige Fragen ein.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.