Museumsbesuche. Staatliches historisches Museum Schwedens in Stockholm

Fotograf*in FriskoKry, Statens Historiska museum på Narvavägen i Stockholm, 2006, CC BY-SA 3.0

Diejenigen, die mehr über eine ruhmreiche Stadt- oder Staatsgeschichte hören möchten und sich dazu noch ein paar historische Dinge live und in Farbe anschauen wollen, die gehen bekanntlich gern ins Museum. Vielerorts finden sie noch opulente Erzählungen, die heroische Geister der Vergangenheit aufrufen. Nicht so im Staatlichen historischen Museum Schwedens (Historiska museet) in Stockholm. Hier wird die im Museum erzählte Geschichte infrage gestellt.

Nach dem Blogartikel »Das Kriegsschiff Vasa und die Frauen« widmet sich Museumsdinge dem Staatlichen historischen Museum Schwedens in Stockholm. Die Reihen mit den anstehenden Besuchern und Besucherinnen sind hier eindeutig kürzer als im Vasa-Museum. Dabei ist der Eintritt frei, während im Vasa-Museum dieser zu bezahlen ist. Es fehlt zwar ein riesiges Objekt wie das Kriegsschiff Vasa, doch dafür sind unzählige Überbleibsel aus der Wikingerzeit zu bewundern. Eine Fülle an Objekten aus dem Mittelalter befindet sich im sogenannten Goldraum oder Schatzkammer. Allein 3000 Objekte, 52kg Gold und 200kg Silber, glänzen in den Vitrinen und bringen die Augen des Publikums zum leuchten. In diesem Raum ist kaum etwas von einer Dekonstruktion der Geschichte zu spüren. Der Ausstellungsraum ist eher ein Gebets-und Wunderraum zur Zelebrierung der glorreichen Geschichte Schwedens. Staunen und Bewundern ist die Devise.

Goldraum

Der Goldraum (Guldrummet) erinnert an die Geschichte der Nationalmuseen selbst. Viele dieser wurden auf der Suche nach Selbstvergewisserung gerade entstehender Nationen gegründet. Für die Kulturwissenschaftlerin Heidemarie Uhl zählt eine »ruhm- oder auch opferreiche Geschichte zu den wichtigsten Werkzeugen des nation building.«* Sie ist die Stütze einer nationalen Identität. Für dieses Wir-Gefühl wurden und werden bis heute aus den Kammern der Vergangenheit Heldinnen- und Heldengeschichten, leidvolle Niederlagen und glorreiche Siege herausgezogen und aufpoliert. Sie wurden zu immer wieder zelebrierten Epen, die wie ein Mantra wiederholt wurden. Körperlich greifbar waren sie vor allem in historischen Überbleibseln. Dingen, die in Museum betrachtet und bestaunt werden konnten.

Fotograf Christoph, Staatlichen historischen Museum Schwedens , 2018

Das Staatliche historische Museum in Stockholm wurde 1866 gegründet. Es ist somit nur ein weiteres Beispiel für einen Museumsboom des 19. Jahrhunderts, der durch die Gründung von Nationalmuseen geprägt war. Der Goldraum selbst, zumindest in seiner gegenwärtigen Form, ist wesentlich später entstanden. Er wurde erst 1994 mithilfe der Knut and Alice Wallenberg Foundation finanziert. Von einer Dekonstruktion der Geschichte ist hier nichts zu spüren. Mit all seinen Schätzen erinnert dieser Raum eher an eine Krypta mit ihren anbetungswürdigen Reliquien. Vielleicht deswegen wird in den oberen Räumen der heroischen Geschichtsdarstellung an den Leib gerückt. Scham über die Verherrlichung in den Kellerräumen? Oder versuchen sich die Mitarbeiter*innen des Museums durch ihre Ausstellung nur kritisch zu präsentieren? Ob das den Besucher*innen schmeckt? Manch eine Person wird sicherlich das Gefühl der nationalen Größe im Museum suchen. Schließlich ist der gesellschaftliche Rechtsruck überall spürbar. Davon ist Schweden auch betroffen. Desto mehr ist das Schleifen der Hörner auf den Helmen der Wikinger*innen zu begrüßen.

Wikinger-Propaganda

Fotograf Christoph, »Vikinga«, Staatliches historisches Museum Schwedens, 2018

Gleich in den Eingangstexten der Ausstellung über die Wikinger*innen werden diese als Teil einer Propaganda des 19. Jahrhunderts vorgestellt. Eine »Vikinga« in rosa Stiefeln, Jeans, schwedischem Fußballtrikot und  einem Helm lächelt von einem Poster das Publikum an. Ihr Teint ist etwas dunkler, was sofort zum Gedanken »Migrationshintergrund« führt . Klassifizierung und Kategorisierung der Menschen hallo! Sie steht jedenfalls für den gegenwärtigen Zugang zum Mythos Wikinger*innen und für die moderne Gesellschaft Schwedens. Diese besteht nun mal nicht nur aus blonden Recken. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist schließlich komplexer und vielfältiger. Sie ist nicht nur auf ein Stereotyp von blonden Menschen mit blauen Augen reduzierbar.Im Raumtext zur Ausstellung wird darauf hingewiesen, dass der Umgang mit Geschichte manchmal mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit sagt. Schließlich werde sie oft politisch instrumentalisiert, wie das Bild der starken und wilden Wikinger*innen. Viel Wissen über diese wurde in den 1870er-Jahren ans Tageslicht gefördert. Vor allem war es die Ausgrabung des Handelsplatzes Birka aus der Wikingerzeit. Das 19. Jahrhundert lechzte nach Mythen, die sich zur Abgrenzung von anderen Ländern eigneten. Die Geschichte von den Wikingern, hier wohl wirklich nur Männer, passte super dazu. Sie wurden zu Fahnenträger eines nationalen Stolzes. An Frauen wurde dabei weniger gedacht. Auch nicht an all die Skandinavier*innen, die in der sogenannten Wikingerzeit (800–1050 n. Chr.) ein ziemlich einfaches und beschwerliches Dasein führten. Diese Menschen kannten kaum mehr als das Nachbardorf. Nicht jeder nahm schließlich an den Schiffskreuzfahrten teil, um da und dort zu plündern und Schrecken zu verbreiten. An diesem Bild der super-männlichen und reisefreudigen Wikinger als Träger eines nationalen Gefühls wird also in der Ausstellung gekratzt. Dazu der Eingangstext:

»There is no just one single true picture of history. Whether selection of information and presentation of it is made consciously or unconsciously, this sometimes says more about the present, then the historical period being depicted.
History is used in various ways and sometimes objectives are political. A clear example of this use of history is the image of Vikings during different eras.
The Swedish term “vikingatid” (Viking period) was first created at the end of the nineteenth century. The excavations of archaeologists at Birka, Lake Mälar, during the 1870s provided historians with fresh knowledge. In a rapidly evolving there was great need for a proud history. Vikings became important to the creation of national feeling.
The myth of the strong “Swedish Viking” has been used and abused throughout history and this is still going strong.«

Vorstellungsfeld Geschichte

Das Historische Museum in Stockholm bietet mehr als nur die Geschichte der Wikinger*innen. Auch die Liebhaber*innen mittelalterlicher Kirchenkunst kommen auf ihre Genusskosten. Natürlich ist auch die schwedische Geschichte räumlich begehbar und erfahrbar. Doch bereits am Anfang der Ausstellung wird die Frage erhoben, ob Geschichte überhaupt wahr sei. Mit Hilfe eines Bildes von Carl Gustaf Hellqvist (1851–1890) werden Zweifel geschürt. Dabei spiegelt scheinbar das Ölgemälde »Valdemar Atterdag brandskattar Visby 1361« die gesellschaftliche Struktur schwedischen Mittelalters. In Klapptexten werden einige Personen und Elemente des Bildes vorgestellt und ihre Existenz in den Kontext der Zeit gestellt. So werden die Besucher*innen auf einige Fehler im Bild aufmerksam gemacht. Zum Beispiel der Helm, der so wohl nie in einer Schlacht getragen wurde. Auch die schöne Dame mit dem Kind auf dem Arm hätte wohl eine Bedeckung für ihr Haar bedurft. Laut des Klapptextes wurde das Haar von verheirateten Frauen im Mittelalter nicht offen getragen. Ein interessanter Fakt für all die verbohrten Kopftuchgegner*innen, die sich auf die Geschichte und Tradition Europas berufen. Die Familienrollen auf dem Bild entsprechen daher dem 19. Jahrhundert, folglich der Zeit, in der Carl Gustaf Hellqvist lebte. Die Darstellung der Vergangenheit wird dementsprechend als das Ergebnis einer subjektiven Perspektive dargestellt, die sich in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext entwickelte und artikulierte.

Fotograf Christoph, Bild »Valdemar Atterdag brandskattar Visby 1361«, Maler Carl Gustaf Hellqvist (1851–1890), 2018

Offengelegte Geschichte

Die Ausstellung „History Unfolds“ geht noch weiter. Hier wird über die Arbeit des Museums selbst reflektiert. Im Eingangstext heißt es:

»With its exhibition, research and unique collections the Swedish History Museum is an important agent in providing perspective on how history and cultural heritage is formed and developed. Building museums and interpreting history are complex processes that have immense importance for society.“

Fotograf Christoph, Ausstellung »Unfold History«, 2018

Das Museum wird dabei als eine “Reality Machine” vorgestellt. Im 19. Jahrhundert arbeitete es an der Schaffung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit mit. In diese Wirklichkeit passte das Fremde und Andere kaum hinein, wenn es nicht gerade zur Abgrenzung der Wir-Identität diente. Homogene Hegemonialbilder, die mit vorformulierten Rollen operierten, waren das Ergebnis. Theorien von Rasse und Nation dienten als Erklärungsformeln, die definierten, was Schwedisch ist. Die Erklärung dazu im Eingangstext wird in der Vergangenheitsform gehalten. Dabei ist der Präsenz durchaus passend. Schließlich gehen viele Museen noch immer der Funktion nach, die sie im 19. Jahrhundert eingenommen haben. Bereits einige Beiträge von Museumsdinge gehen zum Beispiel auf den polnischen Museumsboom ein. Überspitzt kann von einem Reality-Machine-Boom in Polen gesprochen werden, da auch hier an einer einfach gestrickten Wirklichkeit gearbeitet wird. Aber zurück nach Stockholm und zu dem erwähnten Eingangstext. Hier also das Zitat:

»They [museums] answered fundamental human needs to understand the present and feel a sense of belonging or community. They also answered a need for institutions, traditions and symbols that hold a nation together. Museums have collected, classified and exhibited according to the norms and values of their times, which in turn directed which interpretations have been possible at different times. […] Who was considered to be Swedish was based on racial science that developed in Europe in the early nineteenth century.«

Museum als Wissensfabrik

Der Beitrag des Historischen Museum in Stockholm zur Wirklichkeitsbeschreibung ist groß. Allein seit 2009 wurden 17 Publikationen veröffentlicht. In einem Text heißt es aber, dass diese Wissensproduktion von nachfolgenden Generationen wohl überarbeitet werde:
»Future generations of researchers will probably revise these interpretations.« Das Museum wird somit als eine Wissensfabrik vorgestellt, deren Wissen nur temporär aktuell ist. Eine Infragestellung von nachfolgenden Generationen wird erwartet. Das ist auch eine indirekte Aufforderung an die Besucher*innen, damit sie nicht die Erzählungen des Museums unkritisch akzeptieren.

In diesen Erzählungen spielten Minderheiten lange Zeit kaum oder zumindest nicht bewusst eine Rolle. Sie wurden auch nicht durch die Sammelaktivität des Museums erfasst. Wenn, dann nur zur Abgrenzung der Wir-Identität. Um die Lücken in der Sammlung zu schließen, wurde 2015 jedoch eine neue Sammlungspolitik beschlossen. Der Fokus wurde sowohl auf schwedische Minderheiten gelenkt, als auch auf internationale Kontakte, die das moderne Schweden geprägt haben. Eines der Forschungsprojekte widmet sich den Roma von Skarpnäck, dem südlichen Stadtbezirk von Stockholm. Zwischen 1953 und 1963 siedelten sie in Wohnwagen und Zelten dort. Zuvor reisten sie durch Schweden und Norwegen und blieben jeweils nur für wenige Wochen an einem Ort. Der Grund war die mangelnde Akzeptanz der Mehrheitsbevölkerung. Diese bewunderte zwar die Reiselust der Wikinger*innen aber nicht die der Roma.

Fotograf Christoph, Ausstellung »Unfold History«, 2018

Die Roma zählten einfach nicht zu dem Vorzeigeschwedentum, das wir alle so kennen. Für den Ethnologen Artur Hazelius (1833–1901) basierte dieses auf einer bäuerlichen Identität, die er im 19. Jahrhundert am Verschwinden sah. Das bewegte ihn dazu das ländliche Leben mit all seinen folkloristischen Elementen zu dokumentieren. Auf Hazelius geht auch die Gründung des Freilichtmuseums Skansen zurück. Ebenfalls in Stockholm gelegen, gehört es zu einem wichtigen Fixpunkt vieler Touristinnen und Touristen Schwedens. Das traditionelle und aus den Michel-Filmen bekannte Schweden kann hier noch erlebt werden. Hohe Mauern schützen es von einer multiethnischen Wirklichkeit Schwedens. Inwieweit dieses Schwedisch-Sein in Skansen hinterfragt wird, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Vielleicht findet eine Dekonstruktion dieser Identität auf ähnliche Weise wie im Staatlichen historischen Museum Schwedens statt.

Guter Kaffee und kritische Ausstellungen

Um den Besuchsbericht kürzer zur gestalten, ist es Zeit für eine Schlusszeile. Vieles wäre noch zu erwähnen und wahrscheinlich noch viel mehr wurde beim letzten Museumsbesuch übersehen. Ein Besuch im Staatlichen historischen Museum Schwedens ist auf jeden Fall zu empfehlen. In dieser Institution wird eine perspektivenreiche Geschichte Schwedens vorgestellt. Nach dem Besuch ist noch die Möglichkeit gegeben, eine gute Süßspeise oder eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Die Preise sind dabei moderater als in den Restaurants im Zentrum. Ein Kaffee stärkt die Sinne für weitere Erkundung Stockholms. Nur eine Frage bleibt offen: »The royal family – A mafia related to god?« Das Museum wirft zwar die Frage auf, aber eine eindeutige Antwort bleibt es schuldig.

(Christoph)

* Heidemarie Uhl: Warum Gesellschaften sich erinnern. In: Informationen zur Politischen Bildung Nr. 32 [onlineversion].

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