Erinnern und Gedenken

Fotografi*in: Lysy, Former German-Nazi extermination camp in Belzec, 2011, CC BY-SA 3.0

Am 25. und 26. September 2018 fand in Wien die Konferenz »Erinnern und Gedenken an die einstigen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager« statt. Organisiert wurde sie von der Polnischen Akademie der Wissenschaften. Wissenschaftler*innen aus Polen, Österreich und Deutschland haben über die Geschichte deutscher Konzentrationslager gesprochen, die uns heute mahnend an die nazistischen Verbrechen erinnern. Hier ein kurzer Bericht über den ersten Tag der Konferenz.

Der Holocaust ist wohl eines der schrecklichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Inzwischen sind viele der Zeuginnen und Zeugen nicht mehr da, die über das erlebte Grauen berichten könnten. Die Erinnerung an den Holocaust wurde aber ziemlich lange verschwiegen. Erst mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann 1961 wurde der Holocaust zu einer öffentlich artikulierten Erinnerung. Seit den 1990er-Jahren entwickelt sich der Holocaust in Europa zu einer »negativen Ikone« des 20. Jahrhunderts.* Einige Wissenschaftler*innen wie Claus Leggewie betrachten den Holocaust als den »zentralen Kern der europäischen Erinnerung.«**

In der Konferenz wurde v.a. der Umgang mit den Konzentrations- und Vernichtungslagern nach dem Zweiten Weltkrieg vorgestellt. Für Bogusław Dybaś von der Polnischen Akademie der Wissenschaften stellte sich die Frage nach dem Umgang Polens, Österreichs aber auch Europas mit der sensiblen Erinnerung an den Holocaust. Die Konferenz wollte er als einen Reflexionsraum verstehen, der zum Nachdenken und Austausch anregte. Die Kulturwissenschaftlerin Heidemarie Uhl sah wiederum die Vorträge und Gespräche mit dem Publikum als einen „Beitrag zur Europäisierung der Erinnerungskultur.“

Fotograf*in: Lysy, Memorial in former German-Nazi extermination camp in Belzec, 2011, CC BY-SA 3.0

Der erste Tag der Konferenz bestand aus vier thematischen Blöcken. Im ersten wurde die Geschichte der Konzentrations- und Vernichtungslager nach dem Zweiten Weltkrieg skizziert. Vorgestellt werden das KZ Gross-Rosen, KZ Stutthof und Vernichtungslager Belzec, die sich allesamt in Polen befinden. Eine wichtige Konstante nach dem Krieg bildet das Verschweigen der Funktionen dieser Orte. Weder werden sie thematisiert noch unter irgendwelchen Schutz gestellt. Vielmehr werden sie in ihren Funktionen umgedeutet und wirtschaftlich genutzt. Alle noch brauchbaren Materialien werden abgebaut und zum Beispiel für den lokalen Aufbau von Häusern verwendet. Nur wenige Jahre nach dem Krieg sind nur noch wenige Spuren von den Konzentrations- und Vernichtungslagern übriggeblieben. In Stutthof wird teilweise das Militär stationiert, teilweise wird das Gelände forstwirtschaftlich genutzt. In den 1950er-Jahren wird das Gebiet als Ferienlager touristisch verwendet. Auch in Belzec wird das Gelände des Vernichtungslagers neu mit Bäumen bepflanzt. So verschwinden sie allmählich, allerdings nur topografisch. Die Erinnerung an sie bleibt weiterhin bestehen.

Die Erinnerung an den Holocaust wird in der Anfangszeit vor allem von den ehemaligen Gefangenen wachgehalten. Die kommunistische Obrigkeit ist an den ehemaligen KZ-Lagern als Gedenkorten nicht interessiert. Majdanek und Auschwitz reichen den Regierenden als Erinnerungsorte. Hier werden früh Museen gegründet. Weitere Museen werden nicht gebraucht. An die Gräueltaten in Stutthof, Gross-Rosen und Belzec erinnern die alljährlich wiederkehrenden Häftlinge, die anfangs nicht erwünscht sind. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust wird geschichtspolitisch genutzt. Hier geht es weniger um jüdische Opfer als vielmehr um das Heldentum der Befreier im Kampf gegen den Faschismus. In diesem Licht werden die offiziellen Feiern zelebriert. Nur allmählich ändert sich das. In Stutthof wird in den 1960er-Jahren ein Museum eröffnet, in Gross Rosen erst 1983 und in Belzec entsteht eine imposante Anlage zur Erinnerung an die Opfer des Holocausts im Jahr 2004.

Fotograf*in: Wisnia6522,, KL Stutthof, 2007

Der zweite thematische Block widmete sich der »oberflächlichen Erinnerung«. Einer Erinnerung, die laut der Referentin Dr. Joanna Lubecka zunehmend erodiert. Sie stellt fest, dass vor allem in Deutschland Erhebungen das fehlende Wissen über den Holocaust und die Konzentrations- sowie Vernichtungslager bestätigen. Viele befragte Personen kennen die Fakten schlicht und einfach nicht. Sie kennen die Orte nicht und kennen die Opferzahlen nicht. Dazu kommt, dass Deutschland aber auch Österreich sich zunehmend als Opfer sehen. Frau Lubecka betonte den politischen Einfluss auf Formen der Erinnerung v.a. in Deutschland, leider erwähnte sie diesen nicht in Polen. Ihr nachfolgender Sprecher Stephan Lehnstaedt unterstrich dieses Unwissen am Beispiel der »Aktion Reinhardt«, die kaum im kollektiven Gedächtnis verankert ist. So sind die Besuchszahlen in Treblinka und Belzec nur gering. Der Südosten Polens ist kaum ein Reiseziel amerikanisch-israelischer Reisen. In den beiden Referaten wurde an der deutschen Vorbildrolle als Erinnerungsnation gesägt. Es ist zwar ein oberflächliches Wissen da, aber die Erinnerung muss noch stärker lebendig gehalten werden. Aus dem Publikum kamen noch kritische Stimmen dazu, die diese Meinung bestärkten. Sie verwiesen auch auf die ausbaufähige Erinnerungskultur in Österreich, welches sich mehr als Opfer als Täter fühlt.

Der dritte thematische Block ging auf die marginalisierten Opfergruppen ein. Der erste Vortrag stellte den Umgang mit dem Holocaust aus der Perspektive der Holocaust- und Lagerliteratur vor. Die schriftlichen Betrachtungen der Zeugen und Zeuginnen können dabei variieren. Sie sind u.a. von der Lagerhierarchie, der Länge des Aufenthalts, der Herkunft und des Geschlechts bestimmt. Vor allem fehle es an Erinnerungen der Kriminellen und der Täter*innen. In dem zweiten Vortrag wurde aber im gewissen Sinne die fehlende Artikulation der Erinnerung von Kriminellen relativiert. Dieses Referat war für mich spannend. Anhand von drei Biographien wurde gezeigt, wie ehemalige deutsche Gefangene des Konzentrationslagers Stutthof nach dem Krieg argumentierten, um finanzielle Entschädigungen von deutschen Institutionen zu erhalten. Die angeblichen Kriminellen werden auch als Opfer eines Systems dargestellt. Um keine Entschädigungen zu zahlen, werden die Kriminellen ins schlechte Licht gerückt. Erst Jahre nach dem Krieg und oft erst nach ihrem Ableben werden sie als Opfer anerkannt. Vorher wird an ihrem kriminellen Status festgehalten, weil z.B. ihnen eine sexuelle Orientierung (Homosexualität) zugeschrieben wird. Die verurteilte Person definiert sich selbst aber nicht als homosexuell. Oder weil sie Befehle nicht befolgen, die sie eigentlich auch ins Konzentrationslager brachten.

Das vierte Thema des Tages widmete sich der Dokumentation des Holocausts. Eine amüsante Anekdote des Tages war, dass die erste Referentin die Simultandolmetscherin ob ihres Sprechtempos wirklich zum Schwitzen brachte. Auch ich bin beim Vortrag öfters ausgestiegen, weswegen ich kaum darüber berichten kann. Thematisch ging es um den polnischen Untergrundstaat, der während des Zweiten Weltkrieges Informationen über den Holocaust und ihre Verbrecher*innen sammelte. Der zweite Vortrag war wiederum von der Sprechgeschwindigkeit etwas gemütlicher. Der Referent stellte die Enzyklopädie des Litzmannstadt-Ghettos vor. Bis 1944 wird ebenfalls hier eine Chronik geführt. Die Enzyklopädie wird von den Schreibern und Schreiberinnen mehrsprachig gehalten. Schon für sie gilt diese als eine Quelle, als eine archivalische Tätigkeit für die Zukunft. Sie ist durch eine Autozensur bestimmt, die den Tod trotz des vorhandenen Wissens zumindest nicht direkt thematisiert.

Den Abschluss des ersten Tages der Konferenz bildete eine Buchpräsentation. Die Autorinnen Barbara Engelking und Alina Skibińska stellten ihre Publikation »Dalej jest noc« (dt. Weiter ist Nacht) vor. Besonders auf diesen Punkt des Tages habe ich mich gefreut. Die Autorin Engelking ist mir schon von vorangehenden Publikationen bekannt. In ihren Büchern erschüttert sie die Rolle Polens als die des ewigen Opfers. Die Buchvorstellung füllte auch wieder den Vortragsraum, der inzwischen sich stark geleert hatte. Nun waren alle Sitze wieder besetzt. Das Publikum hörte, dass Polen und Polinnen sowohl Retter und Retterinnen waren als auch als sich der Täterschaft schuldig machten. Die Überlebenschance der Jüdinnen und Juden am Land unterschied sich jedenfalls von Ort zu Ort. Wer ein Versteck für mehr als 18 Monate hat, der ist in einer besonders guten Lage. Große Waldgebiete als Versteck sind entscheidend. Hier sind auch Partisanenverbände tätig, die unter Umständen Hilfe leisten. Dies ist aber nicht überall so. Vielfach akzeptieren polnische Partisaneneinheiten keine Juden und Jüdinnen in ihren Einheiten. Mit der Zeit sind die Wälder überfüllt: »Juden, polnische Flüchtlinge, Partisanen, „gewöhnliche“ Verbrecher, Polen, die nichtregistrierte Tiere versteckten, Förster und Forstarbeiter.«*** Entscheidend für das Überleben ist die Umwelt sowie die psychische und physische Stärke jedes Einzelnen. Es kann keine Rede davon sein, dass Juden und Jüdinnen wie Schafe in den Tod gehen. Viele wollen einfach ihre Familienmitglieder und Freunde nicht allein lassen.

Die entstandene Diskussion nach der Buchpräsentation konnte ich nicht abwarten. Mein Bus wartete und so musste ich aufbrechen. Sicherlich fielen noch spannende Fragen. Am zweiten Tag wurden auch weitere Themen vorgestellt und diskutiert. Leider habe ich nicht die Zeit gehabt, alles mit anzuhören. Mit der Buchpräsentation und den Vorträgen am ersten Tag ist jedenfalls ein sehr differenziertes Bild von dem Holocaust entworfen worden. Meiner Meinung nach eine sehr gelungene Veranstaltung, die allem offenstand und sich nicht nur an Fachpublikum gerichtet hat. Schade somit, dass nicht mehr Zuhörer*innen den Weg zum Vortrag gefunden haben.

* Radonic, Ljiljana: Europäische Erinnerungskulturen im Spannungsfeld zwischen „Ost“ und „West“. In: Erinnerungskulturen. Informationen zur Politischen Bildung Bd. 32, Innsbruck-Wien-Bozen 2010

** Müller, Henrike; Liebert, Ulrike: Zu einem europäischen Gedächtnisraum? Erinnerungskonflikte als Problem einer politischen Union Europas. In: Bundeszentrale für politische Bildung, 17.01.2012

*** Präsentation Alina Skibińska: Parallele Welten. Möglichkeiten und Chancen von Juden im Kreis Biłgoraj, Bezirk Lubin, den Holocaust in der Zeit von 1939 bis 1944 zu überleben.

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