Heimatmuseum als Sehnsuchtsort

Aryssee, gelaufen 1930, Sammlung ÖNB/AKON

In diesem Beitrag möchte ich einen Roman über die Masurische Seenplatte in Polen vorstellen, den ich vor kurzem entdeckt habe. Eine perfekte Lektüre für den nächsten Urlaub. Es handelt sich um das »Heimatmuseum« von Siegfried Lenz (1926–2014). Es ist eine Erzählung, die sehnsüchtig macht und zugleich mahnt.

Wie der Titel bereits besagt, wird im Roman die Geschichte eines Heimatmuseums erzählt. Der Ich-Erzähler ist Zygmunt Rogalla aus dem Städtchen Lucknow, das auf der Masurischen Seenplatte liegt. In einem Monolog erklärt er, wieso er das Museum niederbrannte. Es ist kein Spoiler, wenn ich das verrate. Schon im ersten Satz wird klar, dass er mit Absicht das Museum anzündete.

»Nein, es war kein Unglück, Ich habe das Feuer gelegt, an einem Abend, am Abend des achtzehnten August, mit blieb nichts anderes mehr übrig, als das Museum zu zerstören, das einzige masurische Heimatmuseum, in Egenlund drüben, bei Schleswig.«

Doch er muss ein bisschen ausholen, um seine Tat zu beschreiben. Sein Zuhörer ist der Freund seiner Tochter, der am Krankenbett seiner Geschichte lauscht. Beim Akt der Zerstörung verletzte sich Zygmunt Rogalla und ist verpflichtet im Bett zu bleiben. Er begleitet erzählerisch seinen Zuhörer nach Lucknow, wo er seine Kindheit verbrachte. Hier auf der Masurischen Seeplatte hat sein Onkel Adam Rogalla das Heimatmuseum aufgebaut. Die gesammelten Objekte in den Regalen werden als Dinge beschrieben, die »Zeijenschaft« besitzen. Schon früh begleitete ihn der kleine Rogalla auf einen Schlossberg, wo er seine ersten Spatenstiche übte und ihn beim Aufbau der Sammlung unterstützte.

Fast wie nebenbei werden Charaktere vorgestellt, die durch das Zahnrad der Zeit bearbeitet und zermahlt werden. Der Erste Weltkrieg beginnt und verschont auch die Nächsten des Protagonisten nicht. Die Schwere des Lebens und ihre Opfer werden aber wie nebenbei erzählt. Eine Düsterheit ist am Rande zu sehen, fast nebelig wie die Ufern der Seen, die vor meinem inneren Auge als Leser entstehen. Als Folge des Krieges ist die Familie gezwungen ins Haus von Onkel Rogalla zu ziehen. Nun hausen sie als Gäste im Heimatmuseum zwischen all den Zeug(en) der Vergangenheit.

Als Lucknow ist Lyck/ Ełk Zentrum der Romanhandlung, Sammlung ÖNB/AKON

»Was mich in meiner Kammer umgab, mahnte, begeisterte und befremdete, war selbstverständlich auch nur ein bescheidener Teil der Stücke, die Onkel Adam für wert befand, in seinem Museum für die weit zurückreichende Geschichte Masurens zu zeugen; die Prunkstücke, die kostbaren Funde und Belege, die vorzeitlichen Leckerbissen standen und hingen in der Diele und auf dem breiten, leider lichtarmen Flur, sie füllten die große Wohnstube, die Werkstätte, die Eßküche, und nicht zuletzt den Geheimkeller. Sie dürfen annehmen, mein Lieber, daß jeder Winkel des Hauses von Zeugen bewohnt war; das klemmte sich in die Ecken, hielt Tischplatten besetzt, zog sich die Wände hoch, und wenn Sie nur auf einen Schluck Buttermilch aus waren, mußten Sie damit rechnen, daß es sich bei dem Krug, den Sie in der Vorratskammer vom Regal hoben, um eine sudauische Graburne handelte. «

Das Heimatmuseum bleibt das stabile Moment im Leben von Zygmunt. Im Verlauf der Geschichte wird dieses von ihm übernommen. Der Protagonist wird Weber und Museumsdirektor zugleich. Bei seiner Mentorin und Meisterin lernt er die magischen Symbole der masurischen Lebenswirklichkeit zu weben; als Museumsdirektor, die Dinge seines Heimatmuseums vor einem Publikum vorzustellen und zu deuten.

Niedersee, gelaufen 1930, Sammlung ÖNB/AKON

An den Ufern der masurischen Seen lassen sich allmählich die Vorboten des Zweiten Weltkrieges erkennen. Immer offener wird das Fremde, das Polnische hinter der nahen Grenze, angegriffen. Das Deutschtum wird wiederum als etwas Besonderes, als etwas mit dieser Region als untrennbar Verwobenes, gefeiert. Hierfür sollen auch die Zeugen des Heimatmuseums demonstrieren und agitieren. Das Ziel ist ein Grenzland-Museum zu schaffen und einzurichten, um den »unbeugsamen Wehrwillen« der deutschen Bevölkerung zu zelebrieren. Doch das Heimatmuseum mit all seiner Zeugschaft kann vor diesem Projekt geschützt werden. Doch nur vorübergehend.

Die giftigen Tentakel nationalsozialistischer Ideologie vergifteten den Boden. Die nächsten und sich von der Kindheit bekannten wurden zu Gegnern, wenn sie nicht im Gleichschritt marschierten. Doch der Krieg brachte alle im Lucknow zumindest körperlich näher und zwang sie gemeinsam zu fliehen. Auch Zygmunt mit seiner Familie bricht auf, um sich am Ende seiner Reise nur mit ein paar Dingen in Egenlund im Norden Deutschlands zu finden. Hier fängt er wieder von vorne an. Das Wertvollste nahm ihm wohl die Ostsee. Die Erinnerung trägt er im Herzen. An die Masurische Seenplatte erinnert das Heimatmuseum, das er wieder aufbaut. Dieses wird zum »Andachtsschuppen« für die aus Lucknow stammenden Menschen. Auch sie wurden zu Opfern einer Gewalt, die sie selbst mitgesät haben.

Doch er trifft die Entscheidung, das Heimatmuseum den Flammen zu übergeben. Vielleicht ist es eine Opfergabe an all diese, die ihn begleitet haben aber irgendwo am Wegrand gestrandet bleiben. Er überreicht sein Opfer wohlüberlegt und zerreißt so das Band zu einer Heimat. Einer Heimat, die wieder wie ein Götzen angerufen wird und alles verschwiegen und vergessen wird, nur um ein Orden der Wehmut oder ein Bund der Heimwehrkranken zu erhalten. Doch diese Heimat existiert nicht mehr.

»Mit der Heimat im Herzen die Welt erobern: wann werdet ihr merken, daß Heimat nichts ist als die Freistätte ungebrochener Überheblichkeit und beschränkter Selbstfeier: ein Alibi.«

Wie wahr … und wie aktuell …

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