Postindustrielle Landschaften. Technik- und Industrieerbe in Polen

Beim Durchblättern polnischer Zeitungen ist mit ein Artikel über Technik- und Industrieerbe in Polen aufgefallen, der in der Tageszeitung Rzeczpospolita erschienen ist (Link). Ich wollte eh wieder etwas zur polnischen Museumslandschaft bloggen, also wieso nicht zur Technik- und Industriegeschichte?

NIMOZ, ABC ochrony muzeów techniki

Ähnlich wie überall auf der Welt wurden auch in Polen rostige Überbleibsel unterschiedlicher Industriezweige als Kulturerbe entdeckt. In postindustriellen Landschaften sind sie nun touristische Ziele par excellence. Aufpoliert schaffen sie da und dort neue Arbeitsplätze und erfreuen so nicht nur lokale Politiker*innen. Im Juni 2016 wurde diesbezüglich das offene Forum für das Erbe der Industriekunst gegründet. Es vernetzt Museen und andere Institutionen, die sich mit dem technischen und industriellen Erbe Polens beschäftigen. Zusätzlich wurde 2017 ein Leitfaden zum Schutz technischer Museen (= ABC ochrony muzeów techniki) von NIMOZ, Nationales Institut für Museen und öffentliche Sammlungen, veröffentlicht. Es ist das Ergebnis eines Seminars zum Thema „Sicherheit in technischen Museen.“ Wie es im Vorwort heißt, wurde 2016 das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein solches Treffen organisiert, an dem Museologinnen und Museologen aus 30 Institutionen teilgenommen hatten.

Vor allem aber das durch Industrie geprägte Schlesien ist auf diesem Gebiet wegweisend. Seit 2006 besteht hier die Straße technischer Kulturdenkmäler Schlesiens (= Szlak Zabytków Techniki Województwa Śląskiego, SZT), die inzwischen 42 Objekte zählt. Einige weitere Objekte werden dieses Jahr mit EU-Geldern finanziert. Fotograf*innen kommen somit auf ihre Kosten. Bei richtigem Licht werden einige der Gebäude sicherlich auch postapokalyptische Vorstellungen und Fantasien nähren. Doch die steigende Zahl der Besucher*innen lässt sich wohl kaum nur auf diese Spezies des modernen Jägers und der Jägerin zurückzuführen. So wurde bereits 2010 die halbe-Million-Marke überschritten und in diesem Jahr wird eine Million Menschen erwartet. Eine besondere Attraktion bildet das in der „Zeche Katowice“ sich befindende Schlesisches Museum, das nach einigen Schwierigkeiten 2015 eröffnet wurde. Für den Entwurf waren meine Nachbarn zuständig, die Architekten Riegler Riewe aus Graz.

Fotograf*in: MacQtosh, Schlesisches Museum vor der Eröffnung, 2014, Bildbearbeitung Christoph

Seit 2010 wird alljährlich auch ein eintägiges Festival durch das SZT organisiert, das zusätzliche Gäste lockt. Dieses Jahr findet es am 9. Juni statt. Das Thema „Industrie ist weiblich“ (= Industria jest kobietą) finde ich besonders spannend. Schließlich hat Polen in der letzten Zeit nicht wirklich mit einer frauenfreundlichen Politik gepunktet. Ob das Thema der häuslichen Gewalt, geschlechtergerechte Sprache oder Abtreibung, die Schlagzeilen waren seit der Übernahme der Regierung durch die PiS v.a. für polnische Frauen eine Katastrophe. Es ist also zu begrüßen, dass dieses Festival Frauen als Motor der Industrialisierung zeigt. Das polnische Technik- und Industrieerbe verweist aber auch auf ein ethnisch und religiös plurales Polen hin, das vor dem Zweiten Weltkrieg alles andere als nur katholisch und polnisch war. Es fordert sichtbar das polnische Getue und Geplapper von einer katholisch und polnisch definierten Nation heraus. Es lenkt auf das Los vieler Minderheiten hin, die beim Aufbau Polens ihre Spuren hinterlassen haben. Sie erinnern an die Solidarność-Bewegung und ihre Errungenschaften, die von der PIS Regierung immer wieder angegriffen und abgewertet werden. Sie verweisen sicherlich aber nicht auf eine unkomplizierte und aalglatte Version polnischer Geschichte, die die Konservativen und das rechte Lager in Polen zu beschwören versuchen.

(Christoph)

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