Schicke Häuschen. Residenzmuseen in Polen

Der Verein „Schlösser und Gärten in Deutschland e. V.“ lädt zu einer Blogparade unter dem Stichwort „Tipp für Genießer: Entdecke mit mir Schloss, Kloster, Burg …“ ein. Da ich vor Kurzem zwei Artikel zu Schlössern und Burgen in Polen auf polenjournal.de gelesen habe, werde ich mich bei dieser Blogparade auch polnischen Sehenswürdigkeiten aus dieser Kultursparte widmen. Gleichzeitig werde ich in der Kategorie „Museumsgrüße“ einige Postkarten mit Schloss und Burgmuseen posten.

Schlösser, Burgen, Klöster und ihre Gärten faszinieren vielfach mit ihrer Architektur. Für viele Teilnehmer*innen der Blogparade sind sie Orte der Imagination und Ruhe. Auf dem Blog leggiero flautato bedeutet Schlossgenuss unter anderem eine Möglichkeit die Seele baumeln [zu] lassen. Für Pyrolium bieten sie vielfach eine wunderbare Mischung aus Geschichte […] und Geschichten, aus Ausstellungen, vor allem historischer Bilder, Möbel und Dekorationen, Gartenkunst und Ruhe, wenn nicht gerade Touristinnen und Touristen die historischen Anlagen zu stürmen versuchen. Auch auf Bedeutung Online werden sie als Ruhepol und Gegenpol zum modernen und hektischen Leben in Großstädten geschätzt. Für den Stadtneurotiker sind sie für Kinder und Jugendliche wegen der oft zu langen Frontalführungen nur Orte der Langeweile. Für ihn ist die Kutsche abgefahren; er wird kein Schlösser- und Burgenfan mehr werden.

Nun, auch für mich können sie Orte der Ruhe und Fantasie sein. Wie viele andere Museen können sie faszinieren oder langweilen. In Polen sind dabei 95% der Museen in historischen Bauten untergebracht, die zu einem Besuch und vielleicht sowohl zum Träumen als auch zum Erfahren einladen. Dazu zählen natürlich viele frühere Residenzen, die als Wohn- und Wehranlagen aber auch als Repräsentationsorte fungierten. Die Seite museo.pl verlinkt 105 Museen, die sich in Burgen, Schlössern, Palästen und Herrenhöfen befinden. Eine sich an museo.pl orientierende Museumsliste zu diesem Thema findet sich an diesen Beitrag anschließend. Die Wissenschaftlerinnen Beata Krakowiak und Jolanta Latosińska zählen 5190 solcher Residenzen, die bis heute bestehen geblieben sind.* Viele von diesen sind aber eher im schlechten Zustand, was vor allem die Paläste und Herrenhöfe betrifft. Nur in etwa 208 dieser früheren Residenzen befinden sich heute Museen. Da die Studie inzwischen fast 10 Jahre alt ist, hat sich wohl in diesem Kulturbereich einiges verändert.

Der Wawel in Krakau zählt zu den bekanntesten polnischen Museen. Die ehemalige Residenz polnischer Königsfamilien rangiert bei Umfragen zu den wichtigsten Orten in Polen stets weit oben. Fotograf*in Sharx, Widok na wzgórze wawelskie od strony Wisły, 2007

Diese historischen Bauten sind eine materielle Quelle der Vergangenheit. Ihre Architekturen und Einrichtungen erzählen kundigen Leser*innen Geschichten vom Wandel der Moden in der Architektur und Inneneinrichtung. Veränderte Vorlieben führten zu Umbauten und Rückbauten. Natürlich wurden sie immer wieder neu eingerichtet, bzw. die Möbel und Kunstwerke zirkulierten von Schloss zu Schloss. Das war nicht nur in Polen so, sondern überall. Nach dem Tod des Eigentümers oder der Eigentümerin konnte zum Verkauf oder Vererben des Inventars kommen. So sind auch polnische Residenzbauten eine Quelle für eine über nationale Grenzen reichende Geschichte eines Landes, das erst nach 1945 zu einer über 90% katholischen und polnischen Nation wurde. Bis dahin war es ein multikonfessionelles Land vieler Sprachen. Selbstverständlich verweisen diese historischen Bauten auch auf kriegerischen Zeiten.

Burg Ciechanów der Herzöge von Masowien wurde im 14. Jh. errichtet und im Zuge der Nordischen Kriege 1657 und 1708 teilweise zerstört. Fotograf Hubert Śmietanka, Zamek w Ciechanowie, 2007

Im 19. Jahrhundert ist auch in Polen ein erster Museumsboom zu verzeichnen. Seit den Teilungen Polens 1772 bis 1795 hört das territoriale Polen zwar auf zu bestehen, doch die Idee von einer freien polnischen Nation lebt weiter. Sie spiegelt sich vielfach in den Sammlungen privater Sammler*innen, die Erinnerungstücke polnischer Geschichte gesucht und aufbewahrt haben. Im Sinne der Definition von Thomas Thiemeyer waren diese Dinge sowohl Dokumente als auch Reizobjekte. Mit ihrer rationalen Seite lieferten sie sachliche Informationen über polnische Geschichte und entfalteten gleichzeitig eine emotionale Wirkung auf ihre Betrachter*innen.

Ein engagierter Sammler war Tytus Działyński (1796–1861), der seit 1826 Eigentümer des Schlosses in Kórnik war. Der polnische Aristokrat, Politiker und Mäzen verwendete Unsummen für das Erwerben nationaler Erinnerungsstücke. Seiner Aussage nach sammelte er nicht für seinen persönlichen Ruhm, sondern gegen das Vergessen seines Landes. Sein Wirken setzten sein Sohn Jan Działyński (1829–1880) und später sein Enkel Władysław Zamoyski (1853–1924) fort. Die Sammlung ist in seinem Schloss in Kórnik aufbewahrt worden, wo sich heute ein Museum befindet. Umgeben ist es von dem ältesten und größten Arboretum Polens, also einem Park voller exotischer Bäume.

Fotograf Diego Delso, Schloss Kórnik, Kórnik, Polen, 2016

Eine weitere Sammlerin und Begründerin des ersten nationalen Museums auf dem damaligen preußischen Territorium war die Fürstin Izabela Czartoryska (1746–1835). Im Garten des Schlosses der Familie Czartoryski entstand hierfür der Tempel der Sybille, der zwischen 1798–1801 von dem Architekten Piotr Aigner (1756–1841) errichtet wurde. Nach den Plänen des Architekten wurde nur wenige Jahre später der Gotische Pavillon erbaut. Im Sibyllentempel und Gotischen Pavillon sammelte die Aristokratin Familienstücke aber auch Dinge, die an die vergangene machtpolitische Größe Polens erinnern sollten. Für die Fürstin war vor allem die historische, emotionale und moralische Kraft der Dinge entscheidend. Sie sollten die patriotischen Gefühle der Besucher*innen berühren.

Fotograf*in Luke, Wide view of Sybil Temple in Pulawy, Poland. Mounted from 4 vertical photos taken by Canon A540, 2009

Im 19. Jahrhundert waren in vielen weiteren Palästen und Schlössern gezielt Sammlungen aufgebaut worden, die wegen dem Fehlen öffentlicher Museen – Polen existierte als eigenständiger Staat nicht – als solche fungierten und der Öffentlichkeit teilweise offen standen. Kamila Kłudkiewicz zählt einige dieser Residenzen auf, wie das Schloss Łańcut/Landshut, wo die Sammlung in der Skulpturengalerie und dem Türkischen Apartment untergebracht war. Einige dieser Residenzen befinden sich heute nicht mehr auf dem polnischen Territorium sondern in der heutigen Ukraine wie die Burg Pidhirzi oder der heute zerstörte (?) Tyszkiewicz Palast in Lahojsk in Weißrussland. Mit ihren Sammlungen nahmen sie die Funktion von Erinnerungsorten an.

Nicht nur wegen ihrer Sammlung oder idyllischen Lage haben andere Residenzen eine wichtige Bedeutung im kulturellen Gedächtnis (nicht nur) Polens eingenommen. Zu erwähnen ist sicherlich der Wawel, den jedes Kind in Polen kennt. Natürlich zählt das Warschauer Königsschloss dazu, das im Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten komplett zerstört und erst in den 1970er-Jahren wiederaufgebaut wurde. Weil es so zentral für das polnische Selbstverständnis war, wurde die Zerstörung befohlen. Beim Aufbau spielten wohl die gleichen Überlegungen eine Rolle. Schließlich gehören Residenzen seit jeher zu materiellen Symbolen der Macht. Ein wichtiger solcher Erinnerungsort, der immer wieder historisch aufgeladen wurde, ist die Marienburg in Malbork und die damit in Verbindung stehende Schlacht beim Grundwald vom 15. Juli 1410 – in Deutschland wird von der Schlacht bei Tanneberg gesprochen. Schloß Pleß in Pszczyna fasziniert nicht nur durch sein erhaltenes Inventar sondern auch durch seine Geschichte. Während des Ersten Weltkrieges war es Sitz des Generalstabs der deutschen Ostfront und Wohnsitz von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) – sehe Pszczyna: Eine Zeitreise ins 20. Jahrhundert. Nicht zu vergessen sind die historischen Bauten, die berühmten Personen gewidmete Museen beherbergen. Zu erwähnen ist das Dohna-Schlösschen in Morąg, wo sich das Johann-Gottfried-Herder-Museum befindet oder das Schloss in Śmiełów mit dem Museum für den Schriftsteller Adam Mickiewicz.

Fotograf Gregy, Zespół Zamku Krzyżackiego, Malbork, 2012

Heute sind viele dieser Residenzen gut erschlossene touristische Attraktionen. In polenjournal.de wurde vor kurzem eine Route der Adlerhorste in Schlesien vorgestellt. Sie verbindet Natur mit Geschichte – sozusagen eine Bewegung durch die Vergangenheit. Auch weitere Orte laden mit ihren Gartenanlagen und historischen Architekturen Besucher*innen zum Verweilen ein. Vielfach sind sie auf dem neuesten museologischen Stand. Da und dort werden es eher Ruinen sein, die das Imaginationsfeuer entfachen werden. Langweilige Frontalführungen, die Stadtneurotiker abschrecken, werden wohl auch weiterhin gehalten werden. Aber das Angebot an Reenactment-Veranstaltungen erfreut sich auch in Polen großer Beliebtheit. In historischer Kluft verkleidete Liebhaber*innen der Geschichte spielen ganze Schlachten nach. Als Stunde Null dieser besonderen Form des Nacherlebens der Vergangenheit wird ein Ritterturnier betrachtet, das 1977 auf der Burg in Golub-Dobrzyń stattfand. Diese Reenactments stellen sich zwar authentisch dar, zeugen aber davon, dass Geschichte sich nie ganz von der Vorstellungskraft befreien kann. Burgen, Paläste, Schlösser und Klöster mit ihren Gartenanlagen bieten die perfekte Kulisse hierfür.

* Krakowiak, Beata; Latosińska, Jolanta: Muzea w dawnych rezydencjach – zamkach, pałacach i dworach, Turyzm (2009), S. 43-51.

Liste polnischer Museen in ehemaligen Residenzen sortiert nach den Woiwodschaften

Ermland-Masuren

Großpolen

Heiligkreuz

Karpatenvorland

Kleinpolen

Kujawien-Pommern

Lebus

Łódź

Lublin

Masowien

Niederschlesien

Opole

Podlachien

Pommern

Schlesien

Westpommern

Weitere Links

Liste von Burgen und Schlössern in Schlesien
Wikipedia Liste von Burgen und Schlössern in Polen
Liste von Museen in Burgen und Schlössern (auf Polnisch)
Liste von Museen in Herren- und Gutshöfen sowie Palästen (auf Polnisch)

 

 

6 Replies to “Schicke Häuschen. Residenzmuseen in Polen”

  1. Das ist ein wunderbarer Beitrag zur Blogparade #SchlossGenuss, der uns ausgesprochen kenntnisreich über unsere Grenzen hinaus zu unseren europäischen Nachbarn führt. Genau so hatten wir es uns gewünscht!

    Wir sind von dem Reichtum an polnischen Schlössern begeistert, der sich hier entfaltet, eine Schlösserreise dorthin ist sicherlich ein wahrer Gewinn und Genuss, das wurde uns mir diesem äußerst lesenswerten Artikel klar.

    Ganz herzlichen Dank vom Zu-Tisch-Team!

  2. Lieber Christoph,

    ein ganz herzliches Dankeschön für diesen tiefgründigen Einblick in Polens Schlösserwelt. Machte schon Thorsten Maues Beitrag zu #SchlossGenuss Appetit darauf, so manifestiert sich der Wunsch, eine Schlössertour hier zu übernehmen erst recht. Polens Schlösser sind Neuland für mich. Umso mehr danke ich dir für den fundierten Einstieg dazu mit den zahlreichen Links!

    Nochmals ein ganz herzliches Merci fürs Mitmachen!

    Sonnige Grüße
    Tanja Praske

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