Warschau im Licht der Neonreklamen

Fotograf Christoph, Neon Muzeum, Warschau 2016

Der Sommer ist nun da. Reisen ans Meer oder in die Berge locken. Wegen ihrer Shoppingmöglichkeiten und Kulturangebote sind Hauptstädte ein gern gebuchtes Reiseziel. Vor allem aber das Nachtleben zieht Besucher*innen aus aller Welt an. So auch in Warschau, das Kreative als Spielwiese entdeckt haben. Ihr Lieblingsmuseum ist wohl das Neon Muzeum im Warschauer Stadtteil Praga.

»Warschau feiert weltoffen« schrieb vor nur wenigen Tagen Christian Mayer. Im Artikel der Süddeutschen Zeitung beschreibt er die polnische Hauptstadt als »die vibrierendste Stadt Europas […], also ungefähr das, was Berlin vor zehn Jahren war.« Sie sei das Pilgerziel der »digitale[n] Nomaden und Wochenendhedonisten«, die gerne am Ufer der Weichsel ihre Beine in die Luft strecken. Natürlich bei Musik und einem Drink. Auf dem Rückweg zum Hotel in den Abendstunden ziehen dann Leuchtreklamen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie locken die Shoppingwilligen an die Schaufenster der Geschäfte, die teilweise bis 22 Uhr offen haben. Sie zieren die Eingänge unzähliger Bars sowie Diskotheken und verlängern so manch einer Person den Weg zum Hotel bis zur Morgendämmerung. Es ist natürlich die Frage des Geschmacks (und um diese Zeit auch wohl der Promille), aber vielfach haben diese Leuchtreklamen nicht die höchste ästhetische Qualität.

Fotograf Christoph, Neon Muzeum, Warschau 2016

Die ästhetische Qualität und vor allem leuchtende Nostalgie ist aber im Neon Museum zu finden. Dieses wurde von der Fotografin und Autorin Ilona Karwińska und ihrem Ehemann David Hill gegründet. Die Eröffnung fand in der langen Nacht der Museen am 19. Mai 2012 statt. Es ist nun eine weitere Attraktion in dem Szenestadtteil Praga, das sich auf der gegenüberliegenden Seite der Warschauer Altstadt befindet. Mit oder ohne Kater können hier nun bei einem klarem Blick die Leuchtschriften aus den 1950er-und 1960er-Jahren bewundert werden. Der Besuch ist dabei ein Muss für Typografinnen und Typografen nächtlicher Schriftreklame. Historisch interessierte Personen finden hier eine Schatzkammer voller Buchstaben. Die versammelten Neon Lichter sind schließlich eine Quelle für das Nachkriegspolen. Vor allem nach dem Tod Josef Stalins wurden sie zur Straßen zierenden Attraktionen. Für den Journalisten und Jazzmusiker Zygmunt Jagodziński seien sie dabei Ausdruck einer Sehnsucht nach dem Westen und ihrem Lebensstil gewesen. Gleichzeitig erfüllten sie mehrere Funktionen: Sie beleuchteten Straßen, verschönerten die grauen Fassaden neuer Gebäude und verliehen Vorkriegshäusern einen gewissen Charme und machten sie geheimnisvoll. Und natürlich waren sie eine lichtfrohe Form der Reklame, die jedoch nicht immer mit dem übereinstimmte, was sie bewarb (sehe: Jedyne w Polsce takie muzeum – Muzeum Neonów).

Im Nebel und in der Nacht waren sie Orientierungshilfen, die Verirrte und Verwirrte zu Lokalen und Geschäften lotsten. So waren sie wohl die wichtigste Konkurrenz zum Kultur- und Wissenschaftspalast (Pałac Kultury i Nauki), der zwischen 1952 und 1955 im Baustil des Sozialistischen Klassizismus errichtet wurde. 1955 der öffentlichen Hand übergeben, blieb dieser bis heute das Symbol des Stalinismus in Polen. Für viele ein ungeliebtes Zeichen, das bis in die heutige Zeit viele zerstören oder durch noch höhere Gebäude verdecken wollen. So auch der ehemalige Verteidigungsminister Polens Antoni Macierewicz, der wegen einigen Skandalen seinen Posten dieses Jahr räumen musste. So teilte er im Mai mit, dass er gerne den Kultur- und Wissenschaftspalast durch eine Siegessäule ersetzen würde, die an den Marienkult erinnern würde. Dieser wäre in der Zeit des polnischen Sieges 1920 gegen die Sowjetunion »am meisten sichtbar und verinnerlicht« (najbardziej widoczny i uzewnętrzniony) gewesen (sehe u.a.: Macierewicz ma plan. “Wyburzyć Pałac Kultury i postawić kolumnę z Matką Boską”.) Vielleicht ist ein Grund für den radikalen Vorschlag von Antoni Macierewicz eine mangelnde Begeisterung für die Neonlichter. Dabei hat die Leuchtaufschrift »Pałac Kultury i Nauki« im Laufe der Zeit den Namen Stalins verdeckt. So wurde auch der unsichersten Person eine leuchtende Beglaubigung über ihren Standort vermittelt. Schließlich wurden und werden hier wichtige antikommunistische Veranstaltungen gefeiert, wie zum Beispiel das 50ste Sterbejubiläum von Stalin. Verlaufen gilt als Ausrede somit nicht, schon gar nicht, weil jeder von Weitem den 237m hohen Wolkenkratzer sieht.

Fotograf Christoph, Kulturpalast mit der Fliege »Kinoteka«, Warschau 2016

Der Kulturpalast hat selbst einige Neonlichter vorzuweisen. Diese Liaison zwischen ihm und elektrifizierten Buchstaben reicht bis in das Jahr 1958 zurück. In diesem Jahr wurde über dem Eingang zum Technischen Museum, das sich in diesem Hochhaus befindet, ein entsprechendes Neonlicht montiert. Das Technische Museum wurde 2017 umstrukturiert und befindet sich momentan im Umbau. Versichert wird, dass es bald wieder eröffnet wird. Ob eine Neonreklame wieder bzw. weiter den Eingang zieren wird, ist dabei noch unklar. Es gibt momentan größere Probleme zu bewältigen, als sich um Leuchtschriften zu kümmern. Schließlich wurden viele der ehemaligen Mitarbeiter*innen entlassen. Die Streitigkeiten wegen der Schulden des Museums zwischen ihm und der Verwaltung des Kulturpalastes sind damit aber beendet.

Fotografin Magda, Pałac Kultury i Nauki, Warschau 2018

Bereits 2016 wurde eine in die Jahre gekommene Attraktion des Kulturpalastes entfernt. Die gelb-orange Fliege mit der Aufschrift »Kinoteka« wurde abgenommen und in das Neonmuseum abgeliefert. Es war seit einigen Jahren das Wahrzeichen eines Multiplex-Kinos. Eine Leuchtreklame, die sich aber in der Verwaltung des Kulturpalastes eher einer geringen Beliebtheit erfreute. Sie musste weichen bzw. eine Einigung über die Entfernung dieser schmucken Fliege wurde getroffen. Sie passte schlicht und einfach nicht zu den anderen Neonlichtern, die auf der Fassade des Kulturpalastes montiert sind.

Fotograf Christoph, Neon Muzeum, Warschau 2016

Gegenwärtig wird der Kultur-und Wissenschaftspalast renoviert. Polen Journal berichtet, dass vorerst die Aussichtsterrasse auf dem 30. Stockwerk gesäubert wird. Es ist noch unklar, ob weitere Neonlichter montiert werden. In der Zwischenzeit ist somit der Besuch im Neon Muzeum empfehlenswert. Hier können historische Schriften betrachtet werden. In irgendeiner Ecke des Museums sollte auch die Aufschrift »Kinoteka« zu finden sein. Vielleicht ist auch Antoni Macierewicz anzutreffen, der ehemalige PiS-Minister, der vor allem durch das Strecken der Wahrheit aufgefallen ist. Im Neon Muzeum ist aber vielleicht Licht in das Dunkel seiner Aussagen zu finden. Wenn nicht, dann sicherlich aber schöne Leuchtschriften, die nicht nur Typografinnen und Typografen begeistern werden.

(Christoph)

Zum Thema Nacht und Licht sind weitere Blogartikel von mir zu lesen. Sie sind auf dem Blog des Universalmuseums Joanneum zu finden.

Die fotografierenden Flaneure

Feuriges Berlin, illustres Graz

Lichtinsel in der Nacht

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