Gender – Technik – Museum

Bei der Recherche für meinen Blogbeitrag Postindustrielle Landschaften. Technik- und Industrieerbe in Polen bin ich auf die Publikation Gender; Technik; Museum; Strategien für eine geschlechtergerechte Museumspraxis gestoßen. Eigentlich handelt sich hierbei um eine ganze Homepage, auf der sich nicht nur die Publikation sondern auch zusätzliches Material zum Thema findet. Da alles frei zum Downloaden ist, kann kein(e) XY-Träger*in auf zu hohe Kosten verweisen.

Die von Hannah Fitsch und Daniela Döring herausgegebene Publikation ist inzwischen zwei Jahre alt. Es spricht also nicht gerade für mich, dass ich sie so spät im Weltall des Internets erspäht habe. Vor allem, weil sie bereits da und dort besprochen und angekündigt wurde. Wie auch immer, nun habe auch ich sie gelesen und in meiner digitalen Bibliothek abgespeichert. Das kann ich auch allen Mitarbeiter*innen aus Museen und museumsnahen Bereichen empfehlen. In 10 Aufsätzen wird nicht nur die Geschichte der Geschlechterforschung erzählt, sondern viele kritische Perspektiven vorgestellt. Vor der Lektüre empfehle ich jedoch den Monitor auf den schwarz-weiß Modus zu stellen oder eine Sonnenbrille aufzusetzen. Das Cover der Publikation ist nämlich ist einer knallgrünen Farbe gehalten. Im Bücherregal kann sie somit nicht unabsichtlich übersehen werden.

Bereits in der Einführung betonen Daniela Döring, Hannah Fitsch und Sabine Hark, dass Technikmuseen auf allen Ebenen von der »Kategorie Geschlecht durchdrungen« sind. Sie sind dabei mit einem Fortschrittsgedanken verbunden, der 50% der Gesellschaft lange Zeit kaum berücksichtigte. Doch Museen befinden sich nun, laut der Autorinnen, »wenn nicht gar in einer Krise, so im ringen um eine Neudefinition.« In ihrem Beitrag diskutiert Martina Heßler die Genderforschung seit den 1970er-Jahren und ihren Einfluss auf die Erschütterung der Technik als eine Männerbastion. Sie skizziert die unterschiedlichen Forschungsimpulse, die zur Dekonstruktion der im Hinblick auf das Geschlecht blinden Technikgeschichte und dann Technikmuseen führte. Allerdings verweist sie darauf, dass vielfach noch zu wenig neuere Ansätze und Zugänge u.a. aus den queer studies berücksichtigt werden. Doch von außen werden diese auch nun an Museen herantragen. Zu denken ist z. B. an das Netzwerk Museen Queeren Berlin und die Podiumsdiskussion Museen queeren! Strategien der Sichtbarmachung, die am 3. Mai stattfand.

In den weiteren Beiträgen wird explizit auf Technikmuseen eingegangen. Während Gabriele Wohlauf die Geschlechterfrage von 1985 bis 2006 im Berliner Technikmuseum vorstellt, geht Roswitha Muttenthaler auf den Umgang mit der Sammlung aus der Geschlechterperspektive im Technikmuseum Wien ein. Eine noch stärkere Gegenwartsperspektive nehmen die Herausgeberinnen des Sammelbandes mit den Autorinnen Lisa Bor und Jülide Çakan ein. In sechs Museen (Deutsches Museum in München, Deutsches Technikmuseum in Berlin, Militärhistorisches Museum in Dresden, Museum der Arbeit in Hamburg und Technisches Museum Wien) befragten sie 40 Expert*innen aus den Bereichen der Sammlungs-, Ausstellungs-, Vermittlungs- und Personalpolitik nach den Kompetenzen, Strategien und Herausforderungen einer gendergerechten Museumspraxis. Ihrem Artikel legten sie auch den Fragebogen bei, der sich der qualitativen und narrativen Methodik bediente.

Das Thema Migration im Zusammenhang mit Geschlecht beschreibt Regina Wonisch. In Ausstellungen werden Frauen fremder Herkunft zweifach als die Anderen markiert und exponiert. Vielfach werden sie aber gar nicht wirklich berücksichtigt, sondern Migration wird als ein männliches Phänomen gezeigt. Binäre klassische Geschlechterrollen werden mit Objekten reproduziert, die gleichzeitig dinglich greifbare Klischees (Kopftuch, Dönerspieß, Gebetsteppich) bedienen. Damit lässt sich die Forderung nach einem kritischen Kuratieren verbinden, die Martina Griesser und Nora Sternfeld stellen. Hierbei werden all jene »mikropolitischen und alltäglichen Formen der Zuschreibung und Umschreibung« berücksichtigt und offengelegt. Das gilt natürlich auch für eine kritische Kunst- und Kulturvermittlung. Diese nährt sich aus einer künstlerischen Institutionskritik, der Partizipationskunst und der kritischen Museologie der 1990er Jahre. Wie es funktionieren kann, stellt Elke Semodics anhand des Projektes Flic Flac*. Feministische Arbeitsmaterialien für die Berufsschule des Büros trafo.k vor.

Die Publikation ist auf jeden Fall lesenswert. Ich empfehle sie v.a. den Kuratoren und Kuratorinnen, die noch immer nur eine Ecke oder einen Raum Frauen widmen und sie nicht selbstverständlich durchgehend in ihren Ausstellungen einbeziehen. Sie richtet sich auch gegen eine Männermonokultur in weißen Socken und Sandalen in Technikmuseen, die nicht aus diesen verbannt, sondern Teil eines weiter gefassten Publikumsbegriffs werden sollten. Auf der Homepage finden sich weitere Materialien, die eine Vertiefung erleichtern. Die Publikation selbst beinhaltet noch den sicherlich hilfreichen Leitfaden von Smilla Ebeling für gendergerechte Museen. Hier wird aber explizit erwähnt, dass nicht alle Differenzkategorien einbezogen werden, um eine Ablehnung gegenüber diesem Thema zu vermindern. Die Autorin des Leitfadens sieht aber den Bedarf nach weiteren Instrumenten, die alle Differenzkategorien einbeziehen, wobei die von ihr erwähnte Kategorie der „Rasse“ zugleich zu dekonstruieren ist.
(Christoph)

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