Soziales Gewissen. Museum und Inklusion

Abwechslung muss sein. Diesmal ist es wieder eine Rezension und das Thema die Inklusion. Der Titel der ganzen Publikation lautet „Museum und Inklusion. Kreative Wege zur kulturellen Teilhabe.“ Die Herausgeberinnen der im transcript-Verlag erschienen Publikation sind Bärbel Maul und Cornelia Röhlke.

Der transcript-Verlag ist für seine Reihe „Museum“ bekannt. Zu den unterschiedlichen Themenfelder der Museumswissenschaften sind hier Publikationen zu finden. In dieser Rezension geht es um eine Publikation, die dieses Jahr erschienen ist. Auf 166 Seiten und in 13 Artikeln widmen sich die Autorinnen dem Themenbereich der Inklusion. Wie sie schreiben, hat die Debatte um das soziale Gewissen in den letzten 10 Jahren besonders an Fahrt gewonnen. Dieser Publikation liegt das Projekt „StadtMuseum inklusive – beteiligen, nicht behindern!“ des Stadt- und Industriemuseums Rüsselheim zugrunde. Gleichzeitig fasst sie die Workshop-Beiträge der Fachtagung „Mittendrin: Kreative Zugänge zum Museum für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung“ vom April 2018 zusammen.

Bereits in ihrem Vorwort verweisen die Herausgeberinnen Bärbel Maul und Cornelia Röhlke auf die Erklärung der Menschenrechte aus dem Jahr 1948. In dieser heißt es, dass jede Person das Recht hat, „am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen [und] sich an den Künsten zu erfreuen […]“. Die Realität ist bekanntlich eine andere. Auch im Museum wird gerne von Zielgruppen gesprochen und zwar am besten von denjenigen, die quantitativ eindrucksvoll sind. Dabei ist die Herausforderung der Inklusion, und das spricht Andreas Grünewald Steiger in seinem Artikel an, Angebote so zu konzipieren, dass sie nicht wieder ausschließen. Inklusion erfordert für ihn „eine Auseinandersetzung mit Werten und Veränderung von Haltungen gegenüber den Ansprüchen“ der Besucher*innen. Bernhard Graf sieht in seinem Text das ähnlich, wenn er von dem Bewusstsein des Museums für sein soziales Umfeld schreibt. Damit wird aber indirekt eine Abkehr vom Glauben an Kennzahlen gefordert. Menschen mit Behinderung, und um diese geht es in dieser Publikation, sind nämlich eine arbeitsaufwendige Personengruppe. Gleichzeitig treiben sie die Erfolgsstatistiken eines Museums nicht so in die Höhe, wie die durch Ausstellungshallen durchgeschleusten Schulklassen. Deswegen sind diese nicht nur wegen des Bildungsauftrags eine beliebte Zielgruppe. Ich schweife aber ab, denn das ist nicht das Thema des Sammelbandes.

Die Publikation der Herausgeberinnen ist aber keine theoretische Zitatenaneinanderreihung. Vielmehr hat sie einen praktischen Zugang zum Themenfeld der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Die meisten Beiträge stellen somit tatsächlich erfolgreich umgesetzte Programme vor. Wichtige Multiplikator*innen waren dabei Institutionen organisierter Behindertenhilfe. Ohne die Unterstützung und die Kommunikation mit dem dort arbeitenden Betreuungspersonal wären keine längerfristig erfolgreichen Angebote geschaffen worden. Auf der Sprache basierende Vermittlungsangebote reichen dabei nicht aus. Die Aktivierung aller Sinne ist notwendig, was einen multisensorischen Zugang erfordert.

Ich komme jetzt aber zum Fazit. Die Stärke der Publikation ist, wie schon erwähnt, der praktische Zugang zum Thema. Nach einer theoretischen Reflexion wird in den einzelnen Beiträgen immer wieder auf Vermittlungsprogramme, Ausstellungen und Workshops eingegangen. Diese wenden sich gegen die mangelnde Angebotsdifferenzierung in Museen. Sie sprechen auch Menschen mit Behinderung an, die in den Programmen der meisten Museen noch immer unberücksichtigt sind. Doch auch sie haben Geschichte(n), die wichtig ist (sind) zu erzählen. So eine Erzählung ist „TOUCHDOWN. Eine Ausstellung mit und über Menschen mit Down-Syndrom.“ Museen können dabei multisensuelle Stationen für ihre Vermittlung nutzen, wie auch geschehen in der Ausstellung „Wetterbericht. Über Wetterkultur und Klimawissenschaft“ in der Bundeskunsthalle. Sie wurde im Rahmen des Förderprojekts »Pilot Inklusion« umgesetzt. In ihrer Publikation sprechen sich Bärbel Maul und Cornelia Röhlke für die Öffnung des Museums aus, wie kann also dagegen argumentiert werden? Was wir brauchen ist noch mehr Selbstverständlichkeit bei der Konzeption und Durchführung solcher Projekte. Noch ein paar Konzepte und Projekte mehr könnten in der Publikation vorgestellt werden.

Ich denke Museen als Teil eines sozialen Feldes. Dementsprechend ist für mich Inklusion nicht nur irgendein weiteres Museumsthema. Vielmehr ist sie entscheidend für eine öffentliche Institution des 21. Jahrhunderts. Diese führt einen offenen Dialog mit den unterschiedlichsten Akteurinnen in ihrer Nachbarschaft. „Museum und Inklusion“ zeigt, dass das funktionieren kann. Sie erzählt von erfolgreichen Konzepten, die Besucherinnen mit einer Behinderung nicht vergessen. Ich empfehle diese Publikation somit denjenigen, die ihre Institution nun dieser Personengruppe öffnen möchten. Sie werden sowohl in ihrem Vorhaben durch die präsentierten Perspektiven gestärkt und bekommen gleichzeitig einige Hinweise für die Umsetzung.

Für die Rezension wurde die Publikation vom transcript Verlag bereitgestellt.

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